Dienstag, Oktober 16

Oh du fröhliche Weihnachtsstrategie

0

Wie organisiert man Elfen und Zwerge am Nordpol? Wird man dort den wachsenden Ansprüchen gerecht?  Reicht es aus, den Nikolaus-Schlitten mit neuem Navi auszustatten und Rudolph das Rentier zu dopen? Wir gehen der Frage nach, wie in der Zentrale des Weihnachtsmanns mit agilen Management-Strategien umgegangen wird.

„Ok! Hallo! Zuhören Herrschaften!“ Elwine hatte ihre Stimme gut im Griff und das stand mal fest: „Leute! 32.000 Teddybären sind geordert! 10.000 mit dem neuen, im letzten Sprint getesteten Design. Jetzt geht es um die Verbesserung des Produktionsprozesses! Ich möchte die Teddys nicht erst am 22.12. auf der Rampe sehen, so wie letztes Mal. Also ZackZack! Alle, die sich die Trello-Karten gezogen haben, gehen jetzt in den vorletzten Sprint! Und morgen im Stand-up will ich erste Ergebnisse sehen!“

Zufrieden klemmte sie das Megaphon zurück in ihren Werkzeuggürtel, der mit den unterschiedlichsten Instrumenten voll behangen war. Wenn sie zu schnell lief, konnte durch das hohe Gewicht der Scheren, Klebepistolen, Drahtspulen, Nadeln, Geschenk-Bänder und Stahllineale auch mal die Hose rutschen. Immer ein großer Spaß für alle anderen Arbeitselfen in ihrer Schicht. Manchmal dünkte ihr, dass insbesondere die Geschenkzwerge lüstern darauf warteten, dass ihr die Hose mal unterhalb des Knies hinabschlotterte.

„Ach was!“ Ihre spitzen Ohren zuckten vor innerer Anspannung! „Weg mit diesen Gedanken! Das lenkt nur von den großen Zielen ab,“ sagte sie sich selbst. In diesem Jahr würde sie ihren Durchbruch erleben. Weihnachten 2017 würde der Turning-Point in ihrem Leben sein. Das überschreiten des Rubikon in der kompletten, jahrtausendealten Geschichte des Weihnachtsmannes.

Voller Stolz blickte sie auf das Kanban Board in der großen Halle, wo tausende Elfen wie in einem gigantischen Ameisenhaufen Spielzeug entwarfen und sogleich produzierten. Puppen, Teddybären, Legobausätze, Spielekonsolen, Tonnen von Süßigkeiten und Millionen nagelneuer Handys mussten in Geschenkpapier eingewickelt und mit den richtigen Empfängeradressen versehen werden. Natürlich digital unterstützt. Das hier war zwar der Nordpol, aber nicht das Mittelalter. QR Codes wurden auf Päckchen geklebt, Scanner blitzen ihre Laserstrahlen auf die Tags und superschnelle Gepäckbänder schoben die Preziosen in die Abfertigungshalle.

Noch mümmelte Rudolph, das Rentier und seine Kumpels schmatzend am nahrhaften Spezialfutter im Stall. Sie würden die Energie brauchen. Noch wurde der Schlitten nicht bewegt, sondern nur auf Hochglanz poliert und letzte Map-Updates in das N.I.K.O.L.A.U.S Navigationsgerät mit dem erweiterten „Chimney-Feature Version 13.2“ eingespeist. Aber in nur wenigen Tagen würde es soweit sein. Heiligabend! Das Fest der Feste. Das Nonplusultra der Holy-Holidays! Wie würde dieses Jahr gefeiert werden, wenn Nikolaus glücklich von seiner Fahrt zu den Kindern der Welt FRÜHER als sonst in den eisigen Norden zurückkehren würde! Wie bombastisch würde Elwines meisterliche Planung zelebriert werden! Von Santa, von den Rentieren, den Elfen, Zwergen und ja, auch von Knecht Ruprecht, dem alten Miesepeter, dem man nie etwas Recht machen konnte!

Ja! Was für ein Tag würde das werden!

Das Kanban Board vor ihrer Nase war DAS Herzstück ihrer neuen Innovation, die Revolution der vorweihnachtlichen Arbeit, mit dem Board wurde alles gesteuert, es war das Monument der Agilität! In den Sommermonaten hatte sie hunderte Teams geschult, Timeboxing erklärt und Sprints besprochen. Es war ein gigantischer Haufen Arbeit, gestört und gebremst mit Widerständen jeder Art. Elfen- und Trolle-Gewerkschaften stellten sich quer, Zwerge erschienen nicht in den Minen geschweige denn in den Review-Meetings, alte Mitarbeiter meuterten, weil niemand mit Slack arbeiten wollte. Sie musste gar einen Change-Manager beauftragen – ein idiotischer Kerl, mit langen Ohren und dichtem Fell, der hopste statt zu Laufen. Aber fähig war er, der Typ. Das musste sie ihm lassen. Im Branchenmagazin “Der Feiertag” war ein seitenlanger Bericht über seine gelungene Reorganisation der internationalen Ostereier-Färbe-Industrie erschienen. Das hätte sie sein wollen!

Und sie war nahe dran. Nur wenige Stunden vor der großen Ernte, sie stand vor den Früchten ihrer aufopferungsvollen Plackerei. Sie konnte es kaum erwarten, Santas große, graue Augen unter den buschigen Brauen zu sehen. Wie sie blitzen würden! Wie er staunen würde, wie er alles wissen wollen würde, wie er sie fragen würde, woher sie denn diese fantastischen agilen Prinzipien hatte! Sie würde vielleicht etwas von Osterwalder, Eric Ries oder so in ihren süßen Damenbart nuscheln. Der alte Graubart muss ja nicht mitkriegen, dass Elwine in Sachen Lean Management ALLES gelesen hatte. Nein! Muss er nicht wissen. Echt nicht.

Und Santa selbst? Noch schlief er. Aber er würde bald aufwachen. Es war ein heiliges, uraltes Ritual Santa niemals, NIEMALS bis zu diesem Tag im Herbst in seinem Sommerschlaf zu stören! Er pflegte erst Anfang November, also kurz nach Halloween (ein Fest, dass er aus tiefstem Herzen verachtete) aufzuwachen. Die Arbeit, die Vorbereitung des Weihnachtsfestes, Produktmanagement, Marketing-Innovation, inklusive der Prozess-Planung aller Aktionsstränge war Sache der Elfen. Elwine war die Nummer 3 in der Rangordnung. Und sie hatte ihre Sache stets gut gemacht. Fand sie.

Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Dieses Dröhnen der Stiefel auf dem eisenhart gefrorenen Boden der großen Halle kannte sie nur zu genau. ER kam! ER war aufgewacht.

Die Elfen und Zwerge erstarrten, wie in einem dieser alten Western, wo der Schurke (oder der Held) die Schwingtüren des Saloons aufdrückt und alle vor Entsetzen die Klappe halten und der Klavierspieler aufhört zu klimpern. So war das jetzt. Atemlose Stille. Eine fallende Stecknadel hätte “Booom!” gemacht.

Elwines Herz wollte schier zerplatzen, so sehr pochte und hämmerte es in ihrer Brust. Der massige Bauch des Nikolaus’ zwängte sich an den Arbeitstischen vorbei. Ein dröhnendes Gähnen drang aus dem gewaltigen Bart an dem gewaltigen Kopf mit den wuscheligen, grauen vom wüsten Schlaf zerzausten Haaren. Die rote Zipfelmütze trug Santa nämlich nur an Heiligabend.

Kaum hatte er die Gepäckbänder mit kleinen Kinder-AI-Experimentalcomputern (Werbung: Deep Learning & Big-Data für Kita-Kinder) passiert, als er stockte. Abrupt drehte er sich um und nahm eines der kleinen Geräte in die Hand, blickte unter dem Brillenrand auf das merkwürdige Dings und drehte es hin und her. „Was ist das?“, seine Stimme klang zwar ruhig, aber irgendwie auch komisch. Irgendwie alarmiert. Irgendwie … gefährlich.

Elwine räusperte sich: “Ähm. Ein Experiment! Haben wir in den letzten Sprint gepackt,” sie zeigte auf das Kanban Board. “Siehst du? Wir sind mitten im Sprint und testen das Produkt mit Testkindern”. Jetzt nahm sie Fahrt auf, wurde eifriger, enthusiastischer. “Und, und, wenn es gut läuft, dann machen wir den Rollout pünktlich zu Weihnachten. Was Du da in der Hand hälst ist allerdings erstmal nur ein Prototyp!”

„Prototyp?!“ echote es aus dem gewaltigen Laib des Heiligen. Seine Stimme donnerte derart, dass die ersten Zwerge schon Reißaus nahmen. „Prototyp???“ wiederholte er und die Röte des Gesichts wetteiferte nun mit seinem überaus roten Mantel mit dem schneeweißen Pelzbesatz im Kontrast. „Naja,“ zitterte Elwine, „du weißt schon. Agile Produktentwicklung? Wir hatten darüber gesprochen? Sylvester 2016/17?“

„Agil?! Papperlapapp!“ blaffte es aus dem Bart. „Ich wollte dass ihr SCHNELLER werdet und mehr Erfolg habt. Nicht rumfummeln!” Seine Stimme überschlug sich nun: “Ich will hier keine Experimente!“

„Aber ich…“ Die Elfin geriet nun, da ihr Herz längst in Richtung Darmausgang gerutscht war, gänzlich ins Schlingern. „Versteh doch! Wir wollten uns doch der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung anpassen. Schneller und smarter reagieren können. Startup-like. Lean Production. Customer centric!“ Je mehr sie redete, sich verteidigte, desto mehr fielen Buzzwords aus ihrem Mund. Unzusammenhängend. Ohne Beweiskraft. Machtlos. Und im gleichen Moment schwoll der Weihnachtsmann zu nie gesehener Größe an, eine bullige, aufgeblasene Monstrosität und er schrie: „Und was ist das denn auf einmal für eine Sprache?? Lean Production, Startup, Customer centric! Drauf’ geschissen! Ich will dieses Industrie-Chinesisch nicht mehr hören. Was ist mit den Zahlen? Hast Du eine Marktprognose erstellt? Für diesen Mist hier?“ Er pfefferte den kleinen Computer in eine Ecke, wo er in Tausend Stücke zersprang. Nun suchten endgültig auch die mutigsten Elfen Schutz. Eliwne stand auf einmal alleine in der großen Halle, schutzlos dem Vorwurfsgewitter ausgeliefert.

“Ma..ma…ma…Marktprognose?“ stammelte Elwine. „Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass ..“

„Quatsch geeinigt“, fuhr ihr Santa in die Parade. „Ich will eine sauber kalkulierte Prognose! In einer Stunde auf meinem Schreibtisch! Und das Produkt in den Stage-Gate-Prozess! So wie immer!“

„Stage-Gate-Prozess, Weihnachtsmann???“ Elwine rang mit der Fassung: „Dann schaffen wir das mit dieser Technologie nicht mehr!” Ihr Finger zeigte bebend auf das zerstörte Computerteil. “Wir hatten doch besprochen, dass wir in diesem Jahr eine Lean Business Development-Strategie fah…“

Sie kam nicht weit. Santa platze nun endgültig der Kragen.

„Hörst du endlich auf mit dem Mist? Mir sitzen die Stakeholder im Nacken! Die reagieren komplett allergisch auf unvollständige Zahlen. Allen voran das Christkind! Ich seh’ es schon vor mir…” Er schien mit einem Mal zu schwanken, die fiebrige Röte schien aus seinem Gesicht zu schwinden. „Oh Mann! Nee!“

Die Denkpause hielt nicht lange an. Mit einem gewaltigen Schlag seiner Faust, er hatte noch nicht einmal seine Handschuhe an, schlug er die restlichen Prototypen vom Band und stapfte wütend davon. Wenige Meter vor seinem Büro zischte er in Elwines Richtung: “Eine Stunde, Mädchen! Keine Minute später!“

Die schwere Tür aus norwegischer Zeder fiel klirrend in das eiserne Schloss und mit einem Mal war es wieder still. Niemand rührte sich. Elwine, bleich wie ein Leichentuch, starrte auf das Kanban Board. Und dann. Langsam. Stück für Stück pflückte sie die Karten herunter. Eine nach der anderen. „Tja. Ok Leute! Die Party ist vorbei. Holt mir meinen Laptop. Ich muss da wohl ein paar neue EXCEL-Dateien bauen.

 

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

Comments are closed.