Dienstag, Oktober 16

Wenn wir an Innovationen denken, haben wir meist eine Vorstellung von bahnbrechenden Neuheiten der Mikroelektronik, Quantencomputern, Fortschritten in Nanotechnologien, Gen-Technik, Raumfahrt, Chemie und Materialienforschung im Sinn.

Aber nicht immer verlaufen Innovationen zwangsläufig parallel zu technologischer Entwicklung, sondern lassen auch Rückgriffe auf ältere oder vermeintlich veraltete Technologien zu.

Vor einigen Jahren machte die so genannte “Weiße-Dächer-Kampagne” in New York City von sich reden. Die Kampagne zeichnete sich dadurch aus, dass man es geschafft hatte, die Bewohner und Hausbesitzer ganzer Stadtteile dazu zu überreden, ihre Dächer weiß anzumalen. Als Ergebnis konnte im Hochsommer die Umgebungstemperatur um bis zu 3 Grad gesenkt werden. Weiße Dächer sorgen mit Hilfe des Albedo-Effekts, der Rückspiegelung von energiereicher Sonneneinstrahlung, dafür, dass eine Aufheizung der Betonflächen verhindert wird.

Bild (Google Maps): Das Stadtklima kann laut Forschern der “Geophysical Research Letters” bis zu 3° kühler sein, wenn man, wie hier  in New York City, Stadtteil Brooklyn, die Dächer weiß anmalt.

Der Albedo-Effekt ist seit Jahrtausenden bekannt, griechische Dörfer erstrahlen nicht nur in strahlendem Weiß, weil es so schön mit dem blauen Meer kontrastiert, sondern weil sonst die Hitze aufgeheizter Gebäude noch unerträglicher wäre. Dass eine so einfach Idee, eine Low-Tech-Innovation, auch im New York des Milleniums so unglaublich erfolgreich sein würde, hätten wohl im Zeitalter der Hochtechnologien die wenigsten geglaubt.

 

Man muss nicht jede Technologie “mitnehmen”

Szenenwechsel: 2001 besuchte ich zum ersten Mal Ostafrika und war nicht sonderlich verwundert, dass in den wenigsten Haushalten ein Telefon vorhanden war. Wenn man telefonieren wollte, ging man zum öffentlichen Fernsprecher oder einem PhoneShop oder fragte beim reichen Nachbarn nach. Bei einem zweiten Besuch, kaum 14 Jahre später hatte sich das überhaupt nicht geändert, Haustelefone waren und sind bis heute Mangelware in afrikanischen Haushalten – insbesondere auf dem Land. Aber es ist fast völlig unmöglich – selbst in den ärmsten Regionen am Rande der Sahara – Menschen ohne ein Handy anzutreffen.

Kein Wunder: Kupfer- Glasfaserkabel sind deutlich teurer und wartungsanfälliger als Mobilfunkstationen, die man mit einfachsten Mitteln aufstellen und schützen und dabei eine große Reichweite an Netzteilnehmern erreichen kann. Handys gelten als Top-Status-Symbol, mächtiger noch als einst das TV-Gerät. Und so wie es aussieht hat sich Afrika den mühsamen technologischen Zwischenschritt zwischen den Anfängen der Technologie und der vollständigen mobilen Vernetzung einfach gespart und damit einen Riesensprung gemacht. Dass die eingesetzte Mobil-Technologie dabei nicht unbedingt die modernste sein muss – allein schon aus Kostengründen – spielt dabei keine Rolle. Innovation ist, wenn es sinnvoll und praktikabel ist.

Westliche erdgebundene Netze sind ein Ding der Unmöglichkeit

Ganz spannend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Politik, die Gesellschaft aber auch Natur und Technik der grenzenlosen Entwicklung von Technologien beinahe „natürliche“ Grenzen setzt. So sorgte Korruption und Kupferklau in Verbindung mit riesigen Distanzen dazu, dass die Verlegung von Telefonkabeln aus Kupfer einfach keine sichere Möglichkeit war, ein stabiles Telefonnetz nicht nur aufzubauen sondern vor allem dauerhaft zu betreuen. Mit Wasserleitungen gibt es ein ähnliches Problem, der Transport von Wasser in Tanklastwagen ist sparsamer, sauberer und effizienter als das kostbare Nass in marode und leckende Leitungen zu pumpen.

Der Wassertransport an sich ist die klassische Form des Wasser-Handlings – Low-Tech wenn man so will. Und so wird aus der Not eine Tugend und aus der Tugend ein Low-Tech-Geschäftsmodell, am liebsten als Abo. Ein geliehener Wassertank auf dem Dach, dazu eine regelmäßige Lieferung per Lastwagen ist ein erfolgreiches Business mit Tausenden von Beschäftigten und Millionenumsätzen.

Die Palmengarage lebt

Wir bleiben in Afrika: Moderne Fahrzeuge mit Hightech-Elektronik sind unter Palmengaragen und Strassenwerkstätten nicht reparierbar, nicht nur aus Mangel an teuren Computer-Analyse-Tools sondern allein schon aus Mangel an einer sicheren Stromversorgung. Wer also in den boomenden afrikanischen Märkten punkten will, muss Autos mit einfacheren Technologien aus vorangegangen Generationen anbieten. Autohersteller – wie z.B. Toyota – die in Afrika erfolgreich sind, liefern keine gebrauchten Fahrzeuge, sondern Neuwagen mit 20 Jahre alter, leicht handhabbarer Technik aus! Deutsche Automarken sind dagegen viel zu „verkopft“, daher zu teuer und in ganz Afrika praktisch ausgestorben, wenn man von einigen Käfern, alten Golf und Mercedes mal absieht. Eine der wenigen europäischen Firmen, die auf diesem Markt mithalten können, ist der italienische Nutzfahrzeughersteller IVECO, die eine einige Busproduktion namens “Afriway” speziell für den afrikanischen Markt entwickelt hat. In Europa ist DACIA eine Marke, die zum Renault-Konzern gehört. Ein Hersteller der erfolgreich aufzeigen konnte, dass Low-Tech auch in westlichen Märkte begeisterte Abnehmer finden kann.

High-Tech Pumpen brauchen eine High-Tech Infrastruktur – und wenn die nicht da ist?

Ein schwäbischer Maschinenbauer, Hersteller von High-Tech-Pumpen sagte mir mal: „Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir unsere superelektronischen Pumpen in manchen Ländern nicht verkaufen konnten, sie waren einfach zu vollgestopft mit Elektronik, die vor Ort keiner warten konnte. Ersatzteil einzufliegen und zu transportieren wäre zu aufwändig, kurzum: Wir mussten wieder kleiner denken. Also haben wir eine Produktlinie an Pumpen aufgelegt, die wir in Gegenden mit solchen Einschränkungen besser einsetzen konnten.“ Der Ingenieur räumte im weiteren Verlauf des Gesprächs ein, dass er für diese Produkte nicht mehr mit dem Markennamen aus dem Hightech-Qualitätssegment auftreten konnte oder wollte.

Waschmittel reloaded

Interessant ist, dass man praktisch jedes Produkt aus dieser Perspektive betrachten kann. Die Firma Anvertex hat sich einfach mal dem Thema Waschmittel gestellt und sich Märkte (und Kunden) angeschaut, in der die Verwendung von Waschmittel keinen westeuropäischen oder nordamerikanischen Gesichtspunkten unterliegt.

 

  • Waschmaschinen sind in Afrika noch immer eine Seltenheit und werden es in absehbarer Zeit auch bleiben, nicht nur wegen der chronischen Energieknappheit.
  • Doch natürlich ist nicht nur Strom knapp, sondern vor allem das Wasser und erst recht mangelt es an warmen Wasser – das macht also die Handwäsche mit kaltem Wasser zum Muss
  • Waschmittel wird nur für besondere Kleidung verwendet und in sehr geringen Mengen gekauft. Westliche Verpackungsgrößen sind daher meist ungeeignet. Kleinere Verpackungsgrößen machen Sinn (und bringen unterm Strich mehr Geld)
  • In Verbindung mit diesen Verpackungsgrößen macht der übliche Transport auf Eseln, Fahrrädern, Motorrädern oder Handkarren sowie der üblichen Straßenverkauf kleinere Gebinde notwendig

 

Die Firma kam also auf die Idee, dass Waschmittel für diese Märkte neu zu definieren, vorhandene Waschmittelrezepte waren dabei eher weniger das innovative Momentum als eher die Verpackungsgröße, die Verpackungseinheiten und die Zielmärkte.

 

Bild: Schlechte Website – aber allerbeste Low-Tech-Innovation

 

Es fehlte eigentlich nur noch das – zugegeben knallbunte Design – der neuen Waschmittelmarken und die wenig dezenten Hinweise auf die deutsche Herkunft als Beweis für höchste Qualität und schon ist Anvertex mit seinen Marken ein innovativer Renner. Wie man hört soll sogar in Bürgerkriegsgebieten wie Syrien mit Anvertex gewaschen werden, eben weil sich das Produkt leicht in “eseltauglichen” Gebinden transportieren und verkaufen lässt.

 

Eine Strassenbahn fährt allen davon

Als man in den rasant wachsenden äthiopischen Hauptstadt und Sitz der afrikanischen Union Addis Abeba eine Lösung für das wachsende Verkehrsproblem suchte, bekam ein chinesisches Konsortium den Zuschlag. Geplant und gebaut wurde schliesslich eine neue Strassenbahnstrecke, mit fabrikneuen Zügen aber mit einer fast 30 Jahre alten Technologie. Gleise, Stellwerke, Stromversorgung und Sicherheit folgen konsequent dem Prinzip der bewährten Einfachheit. Kein elektronischer Schnickschnak, keine Technik die später nur hochbezahlte, ins Land einzufliegende Ingenieure bedürfte.

Siemens, Alstom und Co. hatten unter dieser Prämisse keine Chance. Erwähnenswert ist dabei aber, dass mitnichten auch uralte Ticketing-Systeme zu Einsatz kamen. Die oben erwähnte Abkürzung und der Faible der Afrikaner für Mobiltelefone und typisch afrikanischen Onlinebezahl-Systeme sorgten dafür, dass man in dieser Strassenbahn eben ganz einfach mit seinem Mobiltelefon bezahlen kann (selbst in Deutschland ist noch nicht jede Kommune so weit!)

Nur 475 Mio. € zahlte die Stadt für eine 17km lange, teilweise unterirdisch verlaufende Strecke mit 22 Stationen und Zügen und sogar eigener Notstrom-Versorgung – günstiger geht’s nicht. Selbstverständlich halfen chinesische Banken bei der Finanzierung des Projekts.

Und das Prinzip ist so erfolgreich, dass eine Ausweitung auf 39 Station in den nächsten Monaten in Angriff genommen wird. Andere afrikanische Mega-Städte, wie Lagos, die ebenfalls kurz vor dem Verkehrskollaps stehen, wollen das erfolgreiche Konzept kopieren. Deutsche Unternehmen kümmert das nicht, das Rennen machen – wie sollte es anders sein – auch hier die Chinesen! Dahinter steckt die Angst der deutschen Industrie vor einfachen Lösungen, nicht mehr High-Tech-Vorreiter sein zu können, gilt wohl als als Schande bei unseren Ingenieuren. Dabei ist jede kreative Lösung, wenn sie das Problem richtig adressiert, nicht anderes als erfolgreiche Innovation!

 

Ob man nun Segel auf Containerschiffen anbringt oder Dächer in New York weiß anstreicht. Low-Tech kann sehr simpel und sehr effektiv sein.

 

Oftmals entgehen uns bei der Betrachtung von innovativen Prozessen die eigentlichen Essenzen der Innovation, nämlich die Sinnhaftigkeit. Es gibt viel größeren Märkte und Marktteilnehmer mit speziellen, eingeschränkten Infrastrukturen die uns auf neue Ideen bringen können, die weniger mit High-Tech als mit Low-Tech zu erreichen sind. Es lohnt sich darüber nachzudenken. Forscher machen sich über alle Technologien hinweg Gedanken, ob einfachere, bewährte Lösungen in Teilbereichen nicht smarter sind.

Ein Beispiel dafür sind die Wiederentdeckung und der energiesparende Einsatz von Segeln in der Schifffahrt oder die Neuauflage der direkten Nutzung der Wasserkraft, als Alternative zur Stromerzeugung aus Wasserkraft und der Vermeidung des damit verbundenen hohen Energieverlustes. In vielen lateinamerikanischen Städten hat man die guten alten Seilbahnen als Alternative für Bus- und Bahntransportsysteme entdeckt. Welche deutschen Hersteller solcher Systeme bewerben sich für deartige Projekte und machen kreative Vorschläge dazu?

Sie haben gute Erfahrung mit bewährten Technologien und Low-Tech-Prozessen gemacht. Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns! Wir freuen uns auf Ihren Input und ihr Feedback!

Für Inspiration zu diesem Thema empfehle ich das Low-Tech-Magazine: http://www.lowtechmagazine.com/low-tech-solutions.html

Bildnachweise: City of Addis Ababa, Google Maps, Anvertex-Screenshot, Fotolia, Dykstra Naval Architects

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

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