Dienstag, Mai 22

2017 wird DAS Jahr der ‚intelligenten’ Bots und Assistenten. Wie stark werden Amazon-Echo-Alexa, VIV, Apples-Siri, IBM-Watson und Microsoft-Cortana zusammen mit neuen Geschäftsmodellen und StartUps selbst große Unternehmen in Unruhe versetzen? Ist es Gefahr oder Chance für unsere Unternehmen? Antwort gibt unser Interview mit Dr. Ferenc Acs, Psychologe und Spezialist für kognitive Psychologie und künstliche Intelligenz.

Herr Dr. Acs hat in Gießen Psvchologie mit dem Schwerpunkt Kognitive Psychologie studiert und in Regensburg über neurowissenschaftliche Themen promoviert. Er ist Spezialist für künstliche Intelligenz, Big Data Statistik und angewandte Psychologie.  Er lehrt in München an der FOM Hochschule Wirtschaftspsychologie und wird Ende 2016 auch Kurse auf dem E-Learning Portal Udemy anbieten.

Dr. Ferenc Acs

Q: Herr Dr. Acs. Sie sind nicht nur Psychologe und Spezialist für neuronale Systeme sondern auch Big Data Spezialist und Programmierer, wie passen diese so scheinbar unterschiedlichen Themengebiete zusammen?

Dr. Acs: Ich habe als typisches Computer Kid der 80‘er Jahre schon mit 14 das Programmieren begonnen, also schon lange vor meinen Studien. Als Abiturient mit den Leistungsfächern Mathe und Physik habe ich erst einmal Physik studiert, recht bald bin ich aber zur Psychologie gewechselt, daher der MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) Hintergrund. In der Psychologie ist Big Data ein alter Hut, Psychologen arbeiten schon lange an statistischen Modellen menschlichen Verhaltens. Bei uns nennt sich das nur Multivariate Statistik und Forschung statt Big Data und Research. In meinem Psychologiestudium habe ich seit meinem zweiten Semester Seminare über künstliche neuronale Netze besucht und später auch geleitet – da hat mir mein Programmiertalent enorm weitergeholfen.

Q: Deep Learning Systeme sind seit einigen Monaten DER Hype, weltweit. Neben den bekannten ‚horizontalen“ Assistenten wie Siri, Cortana oder Alexa schießen auch andere ‚vertikale’ BOT-Systeme wie Pilze aus dem Boden. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?

Dr. Acs: Dieser Trend ist mehr als ein Hype. Deep Learning Systeme sind in der Wirtschaft angekommen und werden ähnliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche auslösen wie die Einführung von IT Systemen in den 60‘er bis zu den 80‘er Jahren. Siri, Cortana und Alexa sind noch recht bescheidene Systeme bei denen der Deep Learning Aspekt vor allem bei der Wandlung von Sprache zu Text und einfachen Ranking Vorgängen genutzt wird. Vertikale Systeme, wie IBM Watson, zeichnen sich vor allem dadurch aus dass sie auch Kreuzverweise in einer Unterhaltung verstehen und Schlussfolgerungen aus dem Dialog ziehen können. Die Unterscheidung in horizontale und vertikale Systeme wird ohnehin bald obsolet sein, da Google, Facebook, Amazon & Co. ohnehin fieberhaft daran arbeiten ihre Systeme „tiefer“ zu machen. Ich denke in Zukunft wird man eine Unterscheidung wie in der Arbeitswelt heute machen. Es wird einfache „Sachbearbeiter“ KI‘s geben die günstig in Herstellung und Betrieb sind, etwa bei der Schadenshotline einer Versicherung. Darüber hinaus wird es die „Experten“ KI‘s geben die teurer sind, etwa Systeme die Ärzten bei der Diagnostik assistieren.

 

Q: Stichwort Künstliche Intelligenz. Wie intelligent sind digitale Assistenten wirklich?

Dr. Acs: Schon beachtlich intelligent! Ich möchte jedoch darauf hinweisen das künstliche Intelligenz eben nicht menschliche Intelligenz ist, daher werde ich jetzt keine Personenvergleiche anstellen. Es ist aber abzusehen, dass diese Systeme viele Jobs genauso gut wie Menschen erledigen werden. Von daher durchaus brauchbar intelligent.

Q: Es gilt als sicher, dass neuronale KI Systeme in naher Zukunft Arbeitsplätze kosten werden. Wie nah ist diese Zukunft und wen wird es treffen?

Dr. Acs: So nahe, dass Sie vielleicht noch dieses Jahr ins Büro kommen und eine E-Mail vom Kollegen KI Karl in der Inbox haben! Mit anderen Worten: Diese Zukunft ist keine mehr, sie ist schon Gegenwart. Aus zwei Gründen merkt man nur nicht viel davon:

a) KI Systeme sind sehr unauffällig, denken Sie nur an Ihre Timeline bei Facebook oder die Shopping Vorschläge bei Amazon – da spricht Kollege KI Computer mit Ihnen, es ist nur sehr dezent.

b) Bislang ist KI eine Domäne von sehr innovativen Silicon Valley Firmen und Startups. Von denen ist man sowieso eine Verrücktheit nach der anderen gewöhnt. Es verschwindet sozusagen im Hindergrundrauschen der Innovationsmeldungen oder haben Sie schon die KI Google Assistant von der App Google Allo auf Ihrem Smartphone?

Wen wird es treffen? Nun, zunächst die „White-Collar-Jobs” die aus hochrepetitiven Aufgaben bestehen. Mein Tipp: Zeichnen Sie ein Ablaufschema Ihrer Arbeitstätigkeit. Passt dieses Ablaufschema auf 1-2 DIN A4 Seiten und Ihr Job hat wenig mit Kreativität oder Intuition zu tun, dann ist er höchstwahrscheinlich auch in Gefahr. Als Analogie kann man sich die 2. Phase der industrielle Revolution in Erinnerung rufen, als viele Fabrikarbeiter in der Produktion wegrationalisiert wurden, aber die Manufakturen mit viel Handarbeit und edlen Produkten überlebt haben.

Q: Welche Anbieter von Deep Learning Systemen sind Ihrer Meinung nach für den kommenden Anfrage-Schub am besten gerüstet?

Dr. Acs: Eindeutig IBM. Dies mag angesichts der Medienpräsenz von Google, Amazon, Microsoft und Facebook überraschen, jedoch kann keiner dieser Mitbewerber schon „schlüsselfertige“ KI Lösungen liefern. IBM hat die Trends sehr frühzeitig erkannt und bietet mit Watson leicht zu erlernende Lösungen an, die nicht unbedingt Experten für KI Systementwicklung benötigen. Die Mitbewerber bieten auch Bemerkenswertes und teilweise sogar bessere Lösungen, jedoch benötigt man hier Entwickler die auch KI Experten sind, um Projekte zu realisieren! Nehmen Sie beispielsweise das Projekt TensorFlow von Google, eine revolutionäre Programmbibliothek für die KI Entwicklung, welche kostenlos und explizit zur kommerziellen Nutzung freigegeben ist. Fantastisch! Nur brauchen sie Experten für Deep Learning um damit was anfangen zu können – womit wir wieder beim Fachkräftemangel wären.

Im Video: Ausführlicher Beitrag von Dr. Ferenc Acs über das Thema KI

Q: Konzerne in Deutschland starten erste zaghafte Versuche in Sachen Deep Learning und daran angeschlossene digitale Assistenten. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?

Dr. Acs: Gründen Sie umgehend Innovationsabteilungen oder noch besser Corporate Startups, die sich entweder mit der Anwendung von KI (z.B. IBM Bluemix) oder mit der Entwicklung von KI Systemen selbst (z.B. Google TensorFlow oder NVIDIA DGX-1) beschäftigen. Die Unternehmen müssen erst mit KI „herumspielen“, experimentieren und Erfahrungen sammeln, bevor das Potential erkannt und realisiert werden kann. Sonst tun es wieder die US Amerikaner und Chinesen. Die Zeit der Grundlagenforschung ist vorbei, schon heute kann fast jedes Unternehmen konkrete KI Produkte entwickeln. Das Spektrum reicht hier vom Medizintechnikkonzern, der seine Geräte mit KI Systemen vernetzt, welche im Diagnostikprozess und bei der Behandlungsplanung assistieren, bis zum Lebensmitteleinzelhändler, dessen KI System Kunden Empfehlungen für Kochrezepte aufgrund deren Vorlieben und des Warenbestandes anbietet.

Q: Welchen Rat geben Sie Konzernen, die sich mit dem Thema beschäftigen? Welche ersten Schritte empfehlen Sie ganz konkret?

Dr. Acs: Agil sein ist das Zauberwort! Lassen Sie den Mitarbeitern Zeit zum Lernen und zum Experimentieren. KI Technologie erfordert eine neue Denkweise, die den meisten IT Entwicklern fremd ist. Den älteren Entwicklern können Sie sagen, es ist mit der Umstellung vom prozeduralen auf das objektorientierte Programmieren vergleichbar. Nehmen Sie nicht nur MINT Mitarbeiter in die Teams auf, sondern möglichst auch Experten, die mit den Key Products Ihres Unternehmens zu tun haben. Diese sorgen für die nötige Bodenhaftung, sonst steht der Energiekonzern am Ende mit einer sehr leistungsfähigen App zur Flirt- & Partnersuche da. Darüber hinaus braucht man noch Leute, a lá Robert Oppenheimer im Manhattan Projekt, die den ganzen kreativen Hühnerhaufen zusammenhalten und Kurs halten.

Q: Was sollten Unternehmen tunlichst unterlassen?

Dr. Acs: Abwarten, Tee trinken und erst einmal schauen, was die Anderen so machen.

 

Präsentation: Das Gehirn als Blaupause für Deep Learning und KI (Prezi)

Q: Wie sehen die Aussichten von Bots und digitalen Assistenten in naher und ferner Zukunft aus? Worauf müssen wir uns als Konsument und Verbraucher einstellen, was müssen Unternehmen und Firmen wissen?

Dr. Acs: Bots und digitale Assistenten kann man hierzu ruhig zusammenfassen. In naher Zukunft werden diese Systeme nahezu unbemerkt Einzug in unser Leben halten. Der Kunde denkt vielleicht mit einem Sachbearbeiter zu chatten oder zu mailen, aber in Wirklichkeit antwortet ein KI System. Dies wird erst einmal vor allem textbasiert laufen, da eine wirklich flüssige, genaue und sprecherunabhängige Spracherkennung zur Zeit immer noch eine technische Herausforderung ist. In absehbarer Zukunft wird dies aber kein Problem mehr darstellen, sodass KI Sachbearbeiter bald mit Ihnen sprechen werden. In naher Zukunft werden KI Systeme vor allem die Rolle von Assistenten einnehmen, d.h. Empfehlungen aussprechen, Daten analysieren und recherchieren. Hat sich die Technologie dann erst einmal etabliert, werden auch juristische Regelungen gefunden werden müssen, wie man mit Entscheidungsbefugnissen solcher Systeme umgeht. Wir erleben das gerade mit dem Diskurs um Haftungsfragen bei selbstfahrenden Autos. Noch einige Jahre später, ist dann viel mehr denkbar, von Anfragen an den „Computer!“, wie wir sie aus Raumschiff Enterprise kennen bis zu den Unterhaltungen mit C3PO aus „Krieg der Sterne“.

Sie erreichen Herrn Dr. Acs unter

https://www.xing.com/profile/Ferenc_Acs
Weiterführender Link zum Thema http://mindbrainchips.blogspot.de/

 

Abbildung: Google stellt aktuell sein neues Handy “Pixel” vor, dass sich vor allem durch seinen guten sprachgesteuerten Assistenten auszeichnet, der Siri um Längen schlägt. Google bezeichnet genau diesen Assistenten als das eigentliche “Herz” des Handys. Independent News

Wir VIV der nächste Siri-Killer? Artikel in der WIRED

Live: Gemeinsam mit Matthias Henrici, ist Herr Acs am 24.1.2017 auf einer spannenden Vortragsreihe im NEW Blauhaus in Mönchengladbach zu hören und zu sprechen. Anmeldung: http://www.innovationsbrunch.de

 

 

 

 

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

Comments are closed.