Montag, August 2

Agiles Mindset ist nicht eine Frage des Berufs, sondern der Haltung und Einstellung

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Lesezeit: 15 Minuten

Agiles Mindset ist nicht eine Frage des Berufs, sondern der Haltung und Einstellung – ein Beispiel aus der Musikbranche

 

Was haben die Band „Fortuna Ehrenfeld“ und Unternehmensagilität gemeinsam? Vermeintlich so wenig, dass man beide erstmal vorstellen muss:

  • Fortuna Ehrenfeld begeistert seit ein paar Jahren die Indie-Musik-Szene und setzt „Ausrufezeichen hinter deutsche Popmusik“ (Rolling Stone). In Kürze erscheint die neue Platte mit dem hoffnungsfrohen Titel „Die Rückkehr zur Normalität“. Der Initiator und Treiber von Fortuna Ehrenfeld ist Martin Bechler. Mit ihm haben wir gesprochen.
  • Unternehmensagilität beschreibt die Fähigkeit unternehmensweit mit neuen Situationen umgehen zu können. In Zeiten von Technologie-Sprüngen und dynamischen Markt-Veränderungen ist das ein überlebensnotwendiger Erfolgsfaktor. Inzwischen werden immer mehr Prinzipien, Praktiken und Erfolgsmuster sichtbar, die zur Unternehmensagilität führen.

Und hier haben wir die große Gemeinsamkeit: Bei Fortuna Ehrenfeld und bei der Unternehmensagilität geht es um ganz ähnliche Prinzipien, Praktiken und Erfolgsmuster.

Martin Bechler auf seine Rolle als Musiker, Texter, Komponist und Bandleader der Band „Fortuna Ehrenfeld“ zu reduzieren greift zu kurz. Martin ist aber auch Arbeitgeber, Geschäftsführer, Treiber, Motivator, Coach und einiges mehr. So entsteht bei ihm ein Geflecht aus verschiedenen Rollen, die er miteinander balanciert und jongliert. Mit Blick auf diese interessante Konstitution erscheinen Fragen zum Thema „Wie man arbeitet“ dann wieder in neuem Glanz. Wir haben ihn gesprochen und wollten wissen, was für ihn Arbeit bedeutet, wie er arbeitet und welche Motivationen, Antriebe und Werte sich in seinem Schaffen wiederspiegeln.

Welche Faktoren das genau sind und wie diese im Kontext eines Kunstschaffenden gelebt werden, lesen Sie hier.

 

 

 

Einstieg als Künstler mit Mitte 40 – nichts anderes als ein Himmelfahrtskommando

Unter Freiberuflern hört man immer wieder heraus, dass ihr Geschäft ein „Hauen und Stechen“ sei. Sich freiwillig in diese Gefilde zu begeben, grenzt also quasi an einen Kamikaze-Akt. Und damit nicht genug, erst mit Mitte 40 in dieses Geschäft mit vollem Einsatz einzutauchen und sich mit einer Federboa ausgestattet in einem Schlafanzug auf die Bühne zu stellen, ist doch für den außenstehenden Betrachter einfach nur völlig wahnsinnig und bekloppt. Nicht aber für Martin Bechler! Zwar hat Martin eine musikwissenschaftliche Ausbildung absolviert und auch schon als Dienstleister im Musikgeschäft gearbeitet, aber ein Band-Projekt in dieser Szene zu starten, das war auch für ihn absolutes Neuland. Wusste er, was alles auf ihn zukommt? Vielleicht. Konnte er vorab bereits alles das, was er mittlerweile kann? Nein! Und hat er deswegen vor der Herausforderung gemuckt? Nein! Hat er weitere Talente erkannt und sich weiterentwickelt? Ja! Auf der einen Seite liefen ihm gewisse Grundsätze wie Missgunst, Falschheit und Gegenseitigkeit der Szene zuwider und er beschloss, dass er beweisen kann, dass das bessergeht. Auf der anderen Seite entstand so der Betrieb „Fortuna Ehrenfeld“, eine Musikband in der Indie-Szene, die Werte eines stabilen, menschenfreundlichen und pazifistischen Systems lebt – und das sehr erfolgreich mit fairen Bandagen in einem hart umkämpften und unregulierten Markt. Die Verlockung in diesem Geschäft auf betrügerische und verräterische Weise schnell Erfolg zu haben, ist groß, aber nichts für Martins Selbstverständnis und das Wertesystem des Teams. Eine kleine Anekdote: Nach einem Wohnzimmer-Konzert wurden in dem freudigen Überschwang an Emotionen die Fahrtkosten zu viel abgerechnet. Wenige Tage später ist das im Betrieb aufgefallen und es wurde nicht eine Sekunde gezögert, den Betroffenen zu informieren und schnellstmöglich den Überschuss zurückzuzahlen – andere hätten womöglich den Überschuss mit den Gedanken „Was soll es, so ist das Leben. Passiert.“ einbehalten.  Es ist vielleicht nicht der direkteste und einfachste Weg, den Martin und seine Leute gehen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit der nachhaltigste. Es ist der Weg, bei dem er Arbeiten nicht als Müssen, sondern als Wollen versteht. Und weil der Erfolg so ehrlich und ausgefallen erarbeitet ist, haben wir sehr gerne mit Martin genau darüber gesprochen.

Als er sein Projekt startete, hatte er zwei Motivationen. Zum einen wollte er einen stabilen Musterbetrieb erschaffen und zum anderen lebensbejahende Menschen zusammenbringen und gemeinsam mit Herz zusammenarbeiten. Beides sind Grundpfeiler, die in den meisten Betrieben seiner Szene nicht die Regel bzw. gelebte Praxis sind. Wie muss in dieser Konstitution also Arbeit aussehen, organisiert und gelebt werden, damit der Erfolg so eintritt wie er eintrat? Und was hat das jetzt eigentlich genau mit agilem Mindset zu tun?

 

„Morgens aufstehen, kalt duschen und sich bescheiden-aufrichtig seiner Arbeit widmen“

Als Geschäftsführer verfolgt Martin die Vision, seinen Betrieb als Mikrokosmos, als kleines Biotop zu verstehen und eine funktionierende Gesellschaft in ihm zu beheimaten. Für ihn funktioniert das über die gelebten Werte des Miteinanders, der Gemeinsamkeit, des Commitments, die grundlegend und immens wichtig sind. Diese Atmosphäre braucht es, damit sie genau diesen Konsens auf gemeinsame WERTE erreichen können: was ist wichtig, wie wollen wir miteinander umgehen und was bedeutet das für ihre Arbeit. Am Ende des Tages muss man sich ehrlich in die Augen und vielmehr selbst noch gerade in den Spiegel schauen können. TRANSPARENZ, GERECHTIGKEIT und VERTRAUEN sind hier die Stichwörter. Der Betrieb hat eine flache Hierarchie, alle genießen die gleiche WERTSCHÄTZUNG. Damit einhergehend erwächst für jede/n Mitarbeiter/in ein gewisses EMPOWERMENT und Vertrauen. Dadurch wird aber auch ein INVOLVEMENT vorausgesetzt, dass jede unternehmerische Entscheidung transparent nachvollzogen werden kann. Beispielsweise kann jeder Mitarbeitende in einer Excel-Datei online einsehen, welche Zu- und welche Abflüsse in und aus dem Betrieb gehen. So wird EHRLICHKEIT anfassbar, Gerechtigkeit besser vermittelbar und geben sich hier einander die Hand. Zu Beginn des Projekts überwogen die getätigten Investitionen die erzielten Erträge. Wo Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in diesem Fall zusammenlaufen, ist, dass niemand an dem Betrieb anteilig beteiligt werden kann. Alle investierten zu der Zeit in einen ideellen Wert, nämlich den eigenen Marktwert, der aber niemanden in Rechnung gestellt wurde. Das war und ist so klar kommuniziert. Mit Blick auf diese Dynamik PLANT Martin ROLLIEREND, das heißt, er kann keinen Plan am Reißbrett entwickeln, er weiß nicht was die Zukunft bringt und wie weit er überhaupt planen kann, aber für diesen gemeinsam abgesteckten Horizont wird eine Vereinbarung getroffen, die alle tragen können. Nachdem sich dann die Tektonik der Situation neu ergibt, wird die Situation neu bewertet, eine neue, faire Übereinkunft vereinbart und Maßnahmen abgeleitet. Damit wird er seiner VERANTWORTUNG gerecht und sorgt dafür, dass alle das Werk als UNSER Werk verstehen. So kann er von einer selbstverstärkenden Wirkung für die Teambildung sprechen. Den Grundsatz von Gerechtigkeit lebt er nicht nur im Betrieb, sondern auch außerhalb des Betriebs mit seinen Partnern. So vertreibt „Fortuna Ehrenfeld“ nicht nur drei hochwertige und fair gehandelte Weine, sondern auch zwei nachhaltige und direkt gehandelte Kaffees.

Der Weg dorthin war allerdings alles andere als ein leichter. Mit viel Skepsis, Arroganz und Spott wurde dem Projekt begegnet. In diesem Zuge mussten auch einige Gefahren gemeistert und Niederlagen hingenommen werden, aber mit der inbrünstigen ÜBERZEUGUNG, der gelebten AUTHENTIZITÄT, der notwendigen AUSDAUER und RESILIENZFÄHIGKEIT bei Rückschlägen, konnte das Projekt ins Rollen gebracht werden. Unbeirrt haben sich alle mit viel BESCHEIDENHEIT und AUFRICHTIGKEIT der Arbeit gewidmet, haben sich Problemen angenommen und LÖSUNGEN entwickelt. Mit dieser Einstellung von „Macher-Mentalität“ und Bereitschaft zur LEIDENSFÄHIGKEIT nimmt Martin Krisen auch anders an, als der Otto-Normalverbraucher. Wenn sich Spielregeln und Rahmenbedingungen ändern, dann hilft es nicht sich weg zu ducken und den Umständen zu ergeben, sondern den Wendepunkt nutzen, sich ANPASSEN und die Krise als Chance sehen. Und weil er veränderte Situationen meistens nicht kennt, braucht es eine gewisse KREATIVITÄT, um schnellstmöglich der neuen Situation Herr zu werden. In der Corona-Krise hat sich das beispielsweise dadurch ausgezeichnet, dass Martin aktiv überlegt hat, was das Team in der Situation selbst und proaktiv tun kann statt einfach zu warten, Tee zu trinken, sich der Situation zu ergeben und weiter Petitionen gegen das Virus zu unterschreiben. Nach einem negativen Erlebnis provoziert Aktion immer den nächsten, POSITIVEN Schritt.

 

Wie lassen sich agiles Mindset und Management von einem Kunstschaffenden leben?

In seiner Rolle als Musiker, Texter und Collageur lebt er seine Arbeitshaltung nochmal operativer aus. Seine UNERMÜDLICHKEIT, sein OPTIMISMUS und MUT zeigen sich darin, dass er anpackt, anschiebt und gestaltet. Ein Beispiel dazu: Fortuna Ehrenfeld hat ein Kooperationsprojekt mit einem anderen Künstler aus Berlin angedacht. Für diese Zusammenarbeit brauchte es kurzfristig noch ein Video – in Zeiten von eingeschränkten Reisemöglichkeiten und trotzdem vollen Terminkalendern also eine echte logistische Herausforderung. Eigentlich unmöglich: nur ein kleines Zeitfenster von vier Stunden, noch kein Vertrag, keine Idee, kein Regisseur, kein Kameramann, kein Plot, keine Location, rein gar nichts – und die Leute auch noch quer über Deutschland verteilt. Da dachte sich Martin: „Wir haben keine Chance, also lass‘ sie uns nutzen. Wir machen das!“. Aus den wenigen Möglichkeiten das Beste machen und sämtliche persönliche Befindlichkeiten zurückstecken – so konnte SCHNELL das Video gedreht werden. Es war bei weitem nicht perfekt. Das Video kam wacklig mit einer ungeahnten Trash-Logik daher, was wiederum aber auch für eine unglaubliche Frische und Authentizität sorgte, die perfekt zu „Fortuna Ehrenfeld“ passte. Das Produktionsteam eines Adèle-Videos hätte die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen. Wo dieses Produktionsteam ein halbes Jahr jedes Detail in Perfektion durchplant, haben Martin und sein Team in fünf Stunden ihre Produktion aus der Hüfte geschossen. Mit einer ähnlichen LEICHTIGKEIT und OFFENHEIT, um nicht zu sagen Unverkrampftheit, geht Martin auch an das Song-Schreiben. Er stellt keinen Perfektionsanspruch an seine Kunst, im Gegenteil, es ist schön, wenn es nicht perfekt ist. Er weiß vorab nicht, was am Ende herauskommt. Er weiß nicht vorher schon alles. Er versucht nicht alles eins zu eins zu erklären – und das ist das Schöne daran. Er arbeitet mit dem, was ihm ungefiltert aus dem Kopf fällt. Das können neue wie alte Ideen sein. Er spricht von sich eher als Collageur statt Komponist, weil er bekannte Versatzstücke einfach neu kombiniert. Er hält Notizen, Sprachfetzen nebeneinander, lässt so Bilder entstehen und schafft INNOVATIVES. Er denkt bekannte Elemente mitunter einfach neu. Das was ihm im Kopf schwirrt, bringt er unbefangen schnell auf ein Blatt Papier und dann ist das auch nah an dem Endprodukt. Er doktort nicht wie ein Chirurg an diesem Produkt herum, um in Schönheit zu sterben. Er möchte schnell produzieren und wenn das, was dabei herausgekommen ist, ihm auch in zwei Wochen noch gefällt, dann wird das übernommen, ansonsten verworfen. Was in seinen Augen perfekt ist, ist für andere mit einem ganz verschiedenen Anspruch die reinste Katastrophe. Er maßt sich nicht an über die Qualität anderer Lieder zu urteilen. Ihm ist eine KONTEXTgebundene Relativierung immens wichtig und die kommuniziert er auch. Er spricht nicht von schlechten Liedern, das käme ihm nicht in den Sinn, sondern er ist sich über die PERSPEKTIVE bewusst. Holt ihn ein Lied beispielsweise nicht ab, dann ist das so, weil ER das Lied lediglich nicht verstanden oder es ihn nicht im richtigen Moment berührt hat. Natürlich muss er sich mit seinen Liedern identifizieren, aber er versteht sich als Dienstleister für seine KUNDEN*INNEN. Ihm geht es nicht darum, seine eigene Eitelkeit zu befriedigen, sondern Emotionen für seine Zuhörer und -schauer zu geben. Diese Leute zu erreichen, Emotionen und FEEDBACK wieder einzuholen, das ist das, wo er anfängt zu strahlen. Genau das nimmt er mit und davon LERNT er immer weiter. Für ihn gibt es kein Ende, Kunst muss vital und in Bewegung bleiben. So chaotisch und freigeistig dieses Arbeitsprinzip auch klingen mag, so systematisch und ganzheitlich ist es auf der anderen Seite. Durch seine Ausbildung zum Musikwissenschaftler versteht er das System GANZHEITLICH und genießt dadurch die Freiheit, sagen zu können, dass er innerhalb des Systems Brüche für Neues verursachen kann. Diese Balance bzw. BEIDHÄNDIGKEIT (aus dem Lateinischen: Ambidextrie) von Stabilität und Flexibilität zu erreichen ist enorm wichtig, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Seine Verortung gesunder Varianz auf einer Dichotomie zwischen Harmonie und Reibung, Strukturen und Freiräume, ist sensationell. An dieser Stelle bringt Martin diese Notwendigkeit schön mit folgenden Worten auf den Punkt: „Struktur ist wichtig, um Strukturlosigkeit in den Freiräumen stattfinden lassen zu können, die man sich mit einem stabilen Arbeitsablauf schafft“. Er hat das durch seinen stabilen Studiobetrieb erlebt, wodurch er finanziell gesichert war und einen Raum hatte (physisch, finanziell, zeitlich, kreativ), um das neue Projekt „Fortuna Ehrenfeld“ nebenbei anschieben zu können.

 

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Mut. Werte. Disziplin. Ausdauer.

Vieles was Martin erlebt und gesagt hat, kann in den Kontext eines agilen Mindsets übersetzt werden. Einige Analogien sind sichtbar und haben ihm wesentlich geholfen, dort zu stehen, wo er jetzt steht. Letztlich zu sehen, dass die Haltung eines agilen Mindsets zunächst einmal von dem Job oder Berufsfeld losgelöst ist, sollte Inspiration genug und Hoffnung zugleich sein, dass auch in Ihrem Kontext die einen oder anderen Prinzipien des agilen Mindsets Einzug halten können, um nachhaltig unternehmerisch erfolgreich zu sein. Nicht ausgeschlossen ist, dass nicht alle Prinzipien schablonenartig eins zu eins auf Ihren Arbeitskontext so anzuwenden sind, aber in angepasster Form ist es jede Wette wert, das einmal mit einer gewissen Ernsthaftigkeit auszuprobieren.

 

 

 

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