Sonntag, Juni 24

Innovatives Crowdfunding hat sich in den vergangenen Jahren zu einer echten Finanzierungsalternative zu den herkömmlichen Möglichkeiten wie Banken und Venture Capital entwickelt. Besonders für neue und innovative Projekte eignet sich diese Art der Mittelbeschaffung hervorragend. Jedoch ist die mögliche Projektfinanzierung nur ein Grund, weshalb Unternehmen eine Crowdfunding-Kampagne durchführen können. Neben dem finanziellen Aspekt gibt es zahlreiche weitere Vorteile, welche die Crowd mit sich bringt.

Meist sind die Investoren und Unterstützer einer Crowdfunding-Kampagne direkt auch die ersten Kunden des Unternehmens. Dies ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass es sich bei einer Crowdfunding-Kampagne häufig um einen Vorverkauf handelt. Zum anderen sind die Unterstützer aber meist so begeistert von dem entsprechenden Projekt, dass auch eine langfristige Kundenbeziehung zustande kommt.

 

Doch zunächst sollte einmal geklärt werden, was Crowdfunding überhaupt ist und welche Arten des Crowdfundings es gibt.

 

Was ist Crowdfunding und wie ist der Deal?

 

Unter Crowdfunding versteht sich das Finanzieren von Projekten durch eine große Anzahl von Unterstützern. Diese Unterstützer geben jeweils kleine Beträge und schaffen es gemeinsam eine Summe aufzubringen, die das jeweilige Projekt für die Umsetzung benötigt. Die Masse der Unterstützer wird hierbei „Crowd“ genannt.

 

Doch geben die Unterstützer ihr Geld nicht einfach so, ohne etwas als Ausgleich zu erwarten. Für gewöhnlich erhalten Unterstützer für ihren Beitrag eine Gegenleistung, die ungefähr den Wert ihrer Unterstützung entspricht. Diese Gegenleistungen können hierbei materialer oder immaterieller Form sein und stehen immer im Zusammenhang mit dem zu finanzierenden Projekt. Zum besseren Verständnis hierzu ein kleines Beispiel:

 

Angenommen ein Unternehmen möchte eine Schutzhülle für Mobiltelefone herstellen. Diese Schutzhülle wird aus Bambus gefertigt und das gesamte Produkt besteht ausschließlich aus nachhaltigen Rohstoffen. Zusätzlich wird der Fairtrade-Gedanken verfolgt und jeder beteiligte Arbeiter erhält einen fairen Lohn.

 

Nun sind von dieser Hülle einige Prototypen vorhanden und die Massenproduktion könnte anlaufen. Um dies zu finanzieren fehlen dem Unternehmen jedoch die Mittel und weder eine Bank noch ein anderer Investor sind bereit das Wagnis einzugehen. Das Risiko, dass die produzierten 10.000 Hüllen auf Lager liegen bleiben und nicht verkauft werden ist einfach zu groß.

 

An dieser Stelle kommt Crowdfunding ins Spiel.

 

Das Unternehmen ist überzeugt von der Marktfähigkeit des Produkts und ist sicher, dass genug Kunden nur auf diese Hülle warten. Sie entschließen sich die nötigen Mittel für die Massenfertigung über Crowdfunding zu beziehen. Hierfür wird eine entsprechende Kampagne auf einer Crowdfunding-Plattform eingerichtet und gestartet.

 

Nun haben die Besucher dieser Plattform die Möglichkeit dieses Projekt zu unterstützen. Für ihre finanzielle Unterstützung erhalten sie sogar eine Gegenleistung, nämlich die Schutzhülle selbst. Der Unterstützer schließt also einen Vorverkauf ab und erhält für seine finanzielle Unterstützung die Hülle, sobald diese produziert wurde.

 

Bereits nach wenigen Wochen hat das Unternehmen genug Geld eingesammelt um die Produktion zu starten und die Unterstützer erhalten im Anschluss die fertige Schutzhülle zugesendet. Die überschüssigen Hüllen, welche mit den Mehreinnahmen produziert werden konnten, können auf Lager gelegt werden und in den kommenden Monaten verkauft werden.

 

Das Unternehmen hat mit dem Durchführen der Crowdfunding-Kampagne direkt zwei wichtige Schritte gemacht. Zum einen wurden so die nötigen finanziellen Mittel für die Produktion eingesammelt. Zum anderen wurde gezeigt, dass ein Markt für das Produkt vorhanden ist und Kunden bereit sind Geld dafür zu zahlen.

 

Doch gibt es nicht immer bei einer Crowdfunding-Kampagne ein konkretes Produkt als Gegenleistung.

 

Die 4 Arten von innovativen Crowdfunding

 

Crowdfunding wird in Deutschland üblicherweise in vier Arten unterteilt. Im Grunde basiert diese Unterteilung auf den angebotenen Gegenleistungen, welche die Geldgeber im Austausch für ihr Geld erhalten.

 

Donation-Based Crowdfunding

 

Das Donation-Based Crowdfunding ist keine neue Entwicklung. Es existiert schon seit tausenden von Jahren, wurde aber nur noch nie so genannt. Bei dieser Art des Crowdfundings geht es um das Einsammeln von Spenden. Eine direkte Gegenleistung gibt es bei solchen Projekten meist nicht. Oft handelt es sich um gemeinnützige Organisationen, die auf Spenden angewiesen sind und keine direkten Produkte oder Dienstleistungen als Gegenleistung anbieten können. Die Spende hat also mehr einen ideellen Wert und besteht am ehesten aus dem Gefühl etwas Gutes getan zu haben. Abhängig vom Projekt können auch Spendenquittungen ausgestellt werden. Hier ist dann zumindest die Steuererleichterung eine mögliche Gegenleistung.

 

Besonders solche Projekte müssen so gestaltet sein, dass einen potenziellen Unterstützer intrinsisch motivieren. Die Bereitschaftschwelle zu spenden, ohne eine Gegenleistung zu bekommen, liegt meist höher als bei anderen Crowdfunding-Arten.

 

Reward-Based Crowdfunding (Pre-Selling)

 

Beim Reward-Based Crowdfunding geht es, wie der Name schon vermuten lässt, um Rewards, also um Gegenleistungen. Diese Gegenleistungen sind meist, wie in dem obigen Beispiel beschrieben, konkrete Produkte. Normalerweise wird Geld gesammelt um Produktideen vom Prototypen-Status in die Serienreife zu entwickeln und anschließend zu produzieren. Die Unterstützer glauben an das Projekt und sind bereit, schon in einer frühen Phase, im Vorverkauf das Produkt zu erwerben. Daher wird diese Art des Crowdfundings häufig auch Pre-Selling genannt.

 

Nach erfolgreichem Abschluss der Kampagne haben die Projekt-Initiatoren dann die Aufgabe das Projekt wie beschrieben umzusetzen und den Unterstützern die Gegenleistungen in einem vorher kommunizieren Zeitrahmen zukommen zu lassen.

 

Equity-Based Crowdfunding (Crowdinvesting)

 

Das in Deutschland unter dem Namen Crowdinvesting bekannte Equity-Based Crowdfunding ist meist von großer Bedeutung für Startups mit einem skalierbaren Geschäftsmodel. Bei dieser Art des Crowdfundings tätigen die Unterstützer Investitionen und erhalten als Gegenleistungen Anteile an dem jeweiligen Unternehmen. Das Vorgehen ist bei einer solchen Kampagne ähnlich dem bei einer Venture-Capital-Finanzierung. Das Unternehmen wird vorab in einer Due Diligence bewertet und die Crowdinvestoren können dann zu einer angegebenen Unternehmensbewertung Anteile erstehen. Ein Exit, als der Verkauf des Unternehmens, ist dann im Verlauf einer solchen Beteiligung das erhoffte Ergebnis. Hierbei würden die Beteiligungen der Investoren optimaler Weise an Wert gewinnen und der Investor eine satte Rendite als Gegenleistung einstreichen.

 

So zumindest die Theorie. In Deutschland ist es jedoch nicht ganz so einfach mit einer solchen Art von Kapitalanlagen Gelder einzusammeln. Eventuelle Prospektpflichten und andere rechtliche Hürden machen den Prozess etwas kompliziert. Um diese Hürden zu umgehen werden in Deutschland üblicher Weise verschiedene Arten von stillen Beteiligungen, Nachrangdarlehen und Genussrechte als Finanzierungsinstrumente gewählt. Wie sich die rechtliche Situation in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

 

Statistik crowdfunding

 

 

Lending-Based Crowdfunding

 

Lending-Based Crowdfunding basiert auf Krediten und kann inzwischen von Privatpersonen, als auch Unternehmen genutzt werden. Besonders für mittelständische Unternehmen kann diese Art des Crowdfundings eine wahre Alternative zur Hausbank sein. Bei dieser Variante können zahlreiche Investoren in Kreditanfragen von Unternehmen investieren und erhalten als Gegenleistung eine monatliche Rückzahlung mit zusätzlichen Zins. Die Rendite, welche ein Investor hierbei erwarten kann, liegt weit oberhalb der üblichen Sparbuchverzinsung und für Unternehmen ist es oft noch eine günstigere Art der Geldbeschaffung als der Bankdarlehen.

 

Zusätzliche Vorteile des Crowdfundings

 

Doch wie schon angesprochen kann Crowdfunding weit mehr Vorteile haben, als nur den finanziellen Aspekt. Es ist in der Tat sogar so, dass zahlreiche Unternehmen Crowdfunding nicht wegen den finanziellen Erwartungen durchführen, sondern explizit weil sie sich andere Vorteile erhoffen. Doch welche positiven Nebeneffekte können das sein?

 

Customer Loyalty

 

Wie bereits zu Beginn erwähnt sind beim Crowdfunding die Unterstützer meist auch direkt die ersten Kunden. Besonders beim Reward-Based Crowdfunding ist dies der Fall. Wenn Kunden bereit sind, schon im Prototypen-Stadium einen Kauf zu tätigen, ist die Begeisterung sehr hoch. Wenn diese Begeisterung im weiteren Verlauf des Projektes hoch gehalten werden kann, wird daraus eine sehr wertvolle Kunden-Bindung, die von einer hohen Loyalität geprägt ist.

 

Crowdfunding, Magnet, Employer Branding

 

Handelt es sich bei dem Produkt auch noch um ein Verbrauchsprodukt mit Lifestyle-Faktor, so ist diese hohe Kundenloyalität viel bedeutender als der reine Finanzierungseffekt. Das Produkt wird auch in Zukunft immer wieder bestellt und der Customer-Lifetime-Value steigt enorm.

 

Zusätzlich sind begeisterte erste Kunden auch gleich die begeistertsten Werbetreiber. Sie reden mit ihren Freunden über das Unternehmen und akquirieren so direkt neue Kunden.

 

Um diesen Effekt zu erzielen ist es wichtig bereits möglichst früh den Kunden, also die Crowd, zu einem Teil des Unternehmens zu machen. Dies bedeutet, dass die Crowd bereits von Beginn an in die Unternehmensstrategie mit bedacht werden sollte. Schon von Beginn an müssen Kommunikationsprozesse und -richtlinien erarbeitet werden, um das erfolgreiche und zielführende Community-Building zu ermöglichen.

 

Product-/Market-Validation

 

Für Produkte die sich noch im Prototypen-Stadium befinden kann Crowdfunding eine hervorragende Methode sein, ein mögliches Marktpotenzial zu testen. Schon frühzeitig kann so ein Produkt vorgestellt werden und potenzielle Kunden können entscheiden, ob sie dieses Produkt auch wollen. Im Falle einer erfolgreichen Kampagne kann das Produkt dann wie geplant weiter entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Im Falle eines Scheiterns kann schon frühzeitig die Entwicklung des Produkts gestoppt werden, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen, oder die Entwicklung kann in eine andere Richtung gelenkt werden.

 

Neben der grundlegenden Frage, ob ein Produkt überhaupt für den Markt geeignet ist, kann auch die Zielgruppe getestet werden. So kann hervorragend getestet werden, ob ein Produkt sich für den B2C-Markt eignet und ob dort das nötige Interesse vorhanden ist oder ob man sich eher auf den B2B-Markt konzentrieren sollte. Hierzu gibt es ein Beispiel eines bekannten deutschen Konzerns.

 

Der Energie-Konzern EnBW hat mit seinem Produkt Dalia einen Sonnenschirm für heiße Tage entwickelt. Der eigentliche Clou sind die integrierten Solarmodule, die es ermöglichen, beispielsweise ein Notebook zu laden, während man unter dem Sonnenschirm an einer Strandbar sitzt.

 

Für das Produkt Dalia startete EnBW eine Crowdfunding-Kampagne um zu testen, ob es am B2C-Markt ein Potenzial gibt. Nach der Laufzeit der Kampagne wurde die angestrebte Summe leider nicht eingesammelt und die Kampagne war kein Erfolg. Obwohl durch die mangelnde Finanzierung ein Misserfolg zu vermuten wäre, war die Kampagne aus Sicht von EnBW dennoch ein voller Erfolg.

 

Mit einer schnell konzipierten und gestarteten Crowdfunding-Kampagne konnte mit wenig Aufwand das Potenzial eines möglichen Marktes abgeschätzt werden. Da die Kampagne kein Erfolg war kann sich nun innerhalb des Unternehmens auf andere, erfolgversprechendere Märkte konzentriert werden.

 

Bei EnBW hat man sich nun dazu entschieden das Hauptaugenmerk auf den B2B-Markt zu legen und einen Vertrieb im B2C-Markt erstmal nicht weiter zu forcieren.

 

Wie das Beispiel von EnBW zeigt, kann Crowdfunding sehr gut zur Markt-Validierung genutzt werden. Wenn eine solche Maßnahme richtig durchgeführt wird, kann das Flop-Risiko für ein Produkt stark reduziert werden und bereits frühzeitig eine Fan-Basis aufgebaut werden.

 

Schnelles Customer Feedback

 

Bereits zahlreiche Projekte auf verschiedenen Crowdfunding-Plattformen haben noch von einem weiteren Vorteil profitiert. Kunden-Feedback ist einer dieser weiteren Vorteile, die Crowdfunding mit sich bringt. Besonders bei Produkten, die sich noch recht früh in der Entwicklung befinden, kann das Feedback Einfluss auf das Produkt nehmen. Wenn dann später tatsächlich ein von den Kunden nachgefragtes Feature mit eingearbeitet werden kann, ist die Begeisterung unter der Fan-Gemeinde umso höher.

 

Die Pebble Smartwatch hat diesen Nebeneffekt als Vorteil genutzt. Während der Crowdfunding-Kampagne, welche äußerst positiv verlief, kam sehr viel Feedback von Seiten der Kunden. Besonders stach der Wunsch nach einer wasserdichten Uhr hervor. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nicht geplant, die Smartwatch als wasserdichtes Device anzubieten.

 

Aufgrund des Feedbacks wurde das Feature mit in die Entwicklung aufgenommen und das fertige Produkt ist nun, wie von den Kunden gewünscht, wasserdicht.

 

Das Einbinden der Community über die Crowdfunding-Kampagne führte zu einem riesigen Erfolg und die Unterstützer haben sich als ein Teil des Unternehmens und des Produkts gesehen. Der Erfolg und das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Community führten später dann zu einer zweiten Crowdfunding-Kampagne für das Nachfolge-Produkt. Diese zweite Kampagne verlief noch erfolgreicher und nutzte die vorher aufgebaute Kundenbeziehung.

 

Marketing-Effekt

 

Neben den bereits beschriebenen Vorteilen bieten Crowdfunding noch einen enormen Marketing-Effekt. Zum einen muss für eine erfolgreiche Kampagne ein enormer Marketing-Aufwand betrieben werden. Dieser Aufwand verpufft jedoch nicht mit Ende der Kampagne, sondern bleibt dem Produkt und dem Unternehmen dahinter erhalten. Wenn die Kampagne nun zu einem Erfolg wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es zu einem großen medialen Aufsehen kommt.

 

 

Ein Beispiel für einen solchen Marketing-Effekt ist die Kampagne zum Smartphone Ubuntu Edge. Für das Projekt sollten ursprünglich 32 Millionen Dollar eingesammelt werden. Obwohl nur 17 Millionen Dollar eingesammelt wurde und die Kampagne somit gescheitert ist, gab es ein riesiges mediales Aufsehen und das Unternehmen hinter der Kampagne wurde im späteren verlauf mit Anfragen überschüttet.

 

Das Unternehmen konnte zwar das beworbene Projekt nicht durchführen, hat jedoch zahlreiche Aufträge von anderen Unternehmen gewinnen können.

 

Doch ist dies nur ein Weg, wie mit Crowdfunding ein Marketing-Effekt erzielt werden kann. Ein anderer Weg ist das Nutzen von Crowdfunding um öffentlichkeitswirksam andere Projekte und Unternehmen zu unterstützen. Dies wurde bereit von zahlreichen Unternehmen wie Honda, Heineken und Vodafone gemacht.

 

Mein persönliches Fazit zum innovativen Crowdfunding

 

Als Fazit lässt sich festhalten, dass innovatives Crowdfunding neben dem finanziellen Aspekt mit zahlreichen weiteren Vorteilen aufwarten kann. Schon viele Unternehmen haben dies bemerkt und nutzen Crowdfunding gezielt um beispielsweise die Kundenbindung zu verbessern, Märkte zu validieren oder öffentlichkeitswirksam Projekte zu promoten.

 

Abhängig vom Unternehmen und Projekt können fast alle Unternehmen Crowdfunding für ihre Zwecke nutzen. Sei es für die Beschaffung finanzieller Mittel oder für andere Absichten.

About Author

Dennis Schenkel versteht sich als Spezialist für Crowdmarketing – Das Nutzen von Crowdsourcing, Crowdfunding und Crowdinnovation als Methoden für erfolgreiches Marketing. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Crowdsourcing Verbands und des German Crowdfunding Networks, Organisator der Konferenz CrowdDay und Gründer der Unternehmensberatung CrowdXperts begleitete er schon zahlreiche Projekte auf diesen Gebieten.

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