Dienstag, November 13

Können es sich Unternehmen noch leisten, so zu bleiben wie sie sind? Unkreativ, langsam und behäbig? Natürlich nicht! Sie sind auf Gedeih und Verderb verpflichtet innovativer zu werden. Aber gibt es ein Erfolgsrezept dafür? Wann kann ich  als Unternehmen damit anfangen? Kann ich meine Unternehmenskultur so gestalten, dass ich irgendwann Innovationen am laufenden Band produziere? Wir haben uns mit der Frage beschäftigt wie es in Unternehmen überhaupt zu Innovationen kommt…

Kreativität als Formel?

Viele Unternehmen und Startups haben sich diese eine Frage schon gestellt: Gibt es eine Formel für Kreativität und vor allem eine, die daraus zuverlässig Innovationen verspricht?

Die traurige Antwort ist ‘leider Nein’. Denn Kreativität und die ihr zugrunde liegenden Prozesse sind eine ausschließlich menschliche Eigenschaft, die glücklicherweise noch nicht von Künstlicher Intelligenz (KI) oder Programmen übernommen werden konnte – es fragt sich allerdings, wie lange noch?

Aber viele schlaue Leute haben sich über dieses Problem Gedanken gemacht. So findet man bei besonders innovativ geltenden Unternehmen verschiedene Bedingungen und Grundeinstellungen vor, die eine innovationsfördernde Atmosphäre schaffen.

Überraschenderweise folgt die Innovationsfähigkeit scheinbar bestimmten Mustern und man sollte versuchen diese zu replizieren. Sie hat mit der vielfach beschworenen Unternehmenskultur und dem Verhalten gegenüber den eigenen Mitarbeitern zu tun. Die Frage nach der Formel für Kreativität ist also möglicherweise schon falsch gestellt. Sie sollte vielmehr lauten: Was hilft uns dabei noch kreativer zu werden?

Die Hobbynussknacker

Tim Brown, Co CEO von IDEO und bei solchen Fragen ‘Hobbynussknacker’, spricht hier von speziellen Denkweisen, die Menschen und ihre Unternehmen bestenfalls haben sollten, wenn sie an ihrer Kreativleistung und der Innovationsfähigkeit arbeiten wollen. Er geht davon aus, dass in erster Linie ein kreatives Selbstbewusstsein (”creative confidence”) – also die natürliche Fähigkeit neue Ideen zu haben und dann aber auch entsprechend ihrer Konsequenzen zu handeln – maßgeblich ist.

Das ist leider nicht immer selbstverständlich, aber es erfüllt damit den eigentlichen Sinn der Kreativität, Dinge zu verändern. Dies kann natürlich nicht geschehen, wenn sie nur im Verborgenen oder dezent im Hintergrund gehalten wird. Mut gehört selbstverständlich auch dazu – der Mut Fehler zu machen und der Mut den ausgetrampelten Pfad zu verlassen! Allerdings kann man den Leuten schlecht beibringen, kreativ zu sein. Man muss ihnen stattdessen helfen, ihr kreatives Selbstbewusstsein wiederzuentdecken – ihre natürliche Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, und den Mut und die Möglichkeit, sie auch auszuprobieren (David Kelley, Co-Founder von Ideo).

Aber nicht nur das ist wichtig. Die Neugier stellt einen ebenso wichtigen Faktor dar. Leider ist sie in der modernen Arbeitswelt nicht leicht zu kultivieren. Schon Einstein sagte einst: “It’s a miracle that curiosity survives formal education” – Es ist ein Wunder, dass die Neugierde das formale Bildungssystem überlebt. Damit hat er noch heutzutage recht – und genau das stellt die meisten Unternehmen vor das Problem eben diese Neugier bei ihren Mitarbeitern neu wecken zu müssen. Ohne sie wird es sehr schwer wirklich innovativ zu werden. Daher müssen bestimmte Vorgänge dringend angesprochen werden.

Die Ideenfindung als Prozess

Der Prozess der Ideenfindung, der Kreativität und schließlich der Innovation wird laut Tim Brown durch eine Frage angestoßen und hört nicht schon mit der erstbesten Antwort wieder auf. Kreativität verlangt, dass die Antwort auf eine Frage auch eine bestimmte Konsequenz mit sich zieht – diese muss in einem Experiment getestet werden. Die Ergebnisse wiederum werfen wieder neue Fragen auf, die wiederum den Prozess der Evaluation durchlaufen müssen. Durch die neu gewonnen Erkenntnisse rückt man einer optimalen Lösung immer näher. Dies mag oft ein langer Weg sein, aber durchaus ein machbarer und vor allem ein sich lohnender!

Bei diesem Prozess ist vor allem auch die richtige Herangehensweise entscheidend. Die Art, wie man Fragen stellt und wie man an die Lösungen herangeht. Statt der naheliegendsten Frage, wie man das aufgetretene Problem direkt lösen könnte, folgen die wirklich interessanten Antworten wohl eher auf die Fragen “Warum machen wir das denn überhaupt?” oder “Gibt es vielleicht einen anderen, besseren Weg, das Problem anzugehen?”.

Es ist der berühmte Schritt zurück, um sich das Ganze aus der Ferne zu betrachten: Sich die richtigen, nicht zu speziellen, aber auch nicht zu weit gefassten Fragen zu stellen. Das ist laut Tim Brown fast eine Kunst, die aber auch einen wichtigen Charakterzug von Kreativität verdeutlicht: Ein gewisses Maß an Freiheit.

So wird man auch niemals wirklich kreativ sein, wenn man nicht verinnerlicht, dass die Welt um uns herum alles andere als statisch und gegeben ist. Denn wirkliche Freiheit beginnt im Geist. Innovation beginnt mit dem Bedürfnis Dinge zu ändern und unsere Umwelt nicht als starres Gebilde zu begreifen und sie deswegen leidenschaftlich verändern zu wollen. Wie in diesem Zusammenhang selbstverständlich, skizzierte Steve Jobs genau diesen Gedanken bereits 1995. Sie glauben das ist Zufall? Wohl kaum!

 Und immer wieder Steve Jobs


Interview mit Steve Jobs

Risiko

Nun kann es sein, dass besonders in der heutigen Leistungsgesellschaft die Angst vor dem Scheitern und die Angst vor Fehlern diesen Prozess lähmen. Kreativität und Innovationen durchlaufen den Entwicklungszyklus schnell – je schneller desto besser. Meistens geschieht das nach dem Prinzip ‘Learning by doing’, bei dem das Scheitern bzw. das Fehler machen und deren Korrektur fundamental dazu gehören. Das Risiko nicht zu wissen, ob sich eine Idee zu dem entwickelt, wie man es sich vorgestellt hat, oder auch einmal zu scheitern, gehört dazu.

Will man wirklich innovativ sein, ist es von enormer Bedeutung zu verstehen was nicht funktioniert. Dies ist grundlegender als zu verstehen was funktioniert. Ein kleiner Unterschied, der das Goldnugget von einem Kieselstein unterscheidet.

Was tun?

Die meisten Menschen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Arbeit, mehr als mit der Familie oder eigenen Hobbys – sogar mehr Zeit als für den Schlaf. Die traurige Wahrheit ist aber, dass für die Meisten die Arbeit ein ‘notwendiges Übel’ ist. Es macht ihnen zumindest oft nicht so viel Spaß, ist nicht inspirierend und letztlich ein Klotz am Bein, den es abzuschütteln gilt.

Es ist nicht überraschend, dass Studien vor diesem Hintergrund eindeutig belegen, dass das Wirkungsvollste in Bezug auf Innovationskraft, Produktivität, Kreativität und Leistungsbereitschaft das Etablieren von Eigenverantwortung und die Schaffung einer übergeordneten Bedeutung der geleisteten Arbeit ist.

Es ist in dieser Hinsicht auch nicht überraschend, dass Google – ein Paradebeispiel in Sachen Innovation – dazu übergegangen ist, die kollektive Intelligenz der Mitarbeiter zu nutzen und sie zu fragen, was sie von bestimmten Dingen halten und was sie tun würden.

Vor dem Hintergrund der Schaffung einer innovationsbegünstigenden Atmosphäre innerhalb des Unternehmens, ist die Intelligenz und die Wirkungskraft aller Mitarbeiter zusammen genommen viel größer. Warum sollte man sie dann nicht in den Entscheidungsprozess mit aufnehmen?

Sie wollen ja – so zeigt es sich immer wieder – hervortreten und mitgestalten. Daraus sollten bessere Bedingungen für Innovationen folgen.

Das innovative Unternehmen

Beobachtet man die Entstehung von Innovationen und wie Unternehmen an diesen Prozess herangehen, bemerkt man, dass es im Wesentlichen zwei Arten gibt, wie Innovationen verwirklicht werden:

  • Die erste Innovationsart, eine von der Firma angetriebene Innovationen, bei der viele Ressourcen (Geld, Zeit, Arbeitskräfte) dafür verwendet werden durch Marktforschungsinstrumente eine spezifische Marktlücke auszuforschen, die dann mit möglichst kleinem Aufwand bedient werden kann, bringt oft nur mäßige Ergebnisse. Oft fallen die Innovationen vergleichsweise klein aus und es werden lediglich kleine Schritte gemacht, um eine bestimmte Zielgruppe zufrieden zu stellen.

 

  • Auf der anderen Seite gibt es Innovationen, die von Entrepreneuren hervorgebracht werden, die sich nur sehr wenig der typischen Innovationsinstrumente bedienen. Vielmehr verlassen sie sich auf ihren Instinkt und ihr Bauchgefühl. Sie wissen, dass die Idee, die sie verfolgen, sich sehr wahrscheinlich durch Innovationszyklen verändern wird, sich jedoch gerade deswegen auf dem Markt etablieren könnte. Die finale Idee steht nicht gleich am Anfang, allerdings wissen sie, dass sie in der Lage sind, eine zielgerichtete Bewegung im Unternehmen zu machen.

Wesentlicher Unterschied ist, dass Entrepreneure meistens viel mehr Zeit und Geduld mitbringen, ihre Ideen weiterzuentwickeln oder zu modifizieren. Sie legen mehr Wert darauf, dass vielleicht 100 Leute die Idee richtig gut finden, als dass 1000 Leute die Idee nur mit einem „Ok“ abhaken.

Unter diesen Aspekt gesehen, wäre es sehr ratsam, eben diese 100 Leute in den Entwicklungsprozess mitaufzunehmen, um herauszufinden, warum sie genau diese eine Idee so spannend finden – um dann von dieser Basis auf die Idee zu skalieren.

Ist man so weit, sollte man nicht – wie es bei vielen Startups der Fall ist – anfangen die Startup-Kultur zu vernachlässigen. Zum Beispiel hat AirBnB besonderen Wert darauf gelegt sie zu erhalten – Und Sie sollten es auch so machen!

Don’t fuck up the culture!

Brian Chesky, einer der Mitbegründer von AirBnB, kann diese kleine Anekdote nicht oft genug wiederholen: 2012, während eines Meetings der Firmengründer mit Peter Thiel, fragte Brian ihn nach dem wichtigsten Ratschlag, den er für sie hätte, da sie nun ja bereit wären zu skalieren. Der bekannte Serieninvestor Peter Thiel, der damals kurz vorher erst 150 Millionen Dollar in AirBnB investiert hatte, sagte nicht gerade zurückhaltend: “Don’t fuck up the culture!”.

Das war vielleicht nicht das, was Brian und seine Partner erwartet hätten, aber es passt ganz genau in das Konzept, aus der sich Innovationen entwickeln. Sie brauchen eine bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten Spirit, der die Art und Weise, wie etwas in einer Firma getan wird, durch eine gemeinsame und übergreifende Leidenschaft miteinander verbindet. Darunter fällt natürlich auch, wie Meetings gehalten werden, wie man mit Kunden spricht, was gegessen wird, wie miteinander umgegangen wird oder wie die Ware oder die Dienstleistung organisiert, verpackt und ausgeliefert wird.

Wie etabliert man eine Unternehmenskultur?

Das Wichtigste, um diese produktive Atmosphäre zu erzeugen, ist Risiken einzugehen und sich dann täglich zu beweisen, dass man sie eingeht. Seien sie bereit dazu Rückschläge, aber auch Erfolge feiern zu können. Denn je öfter und besser sie das tun, desto mehr Risiken können sie selbstbewusst eingehen und desto erfolgreicher werden sie diese auch weiterhin eingehen können.

Haben sie Mut zum Risiko, überprüfen sie ihre Unternehmenskultur und trauen sie ihren Mitarbeitern ordentlich was zu! Dann klappt es auch mit der Innovation!

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Vielen Dank Andreas Pihan für den Artikel

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

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