Mittwoch, November 22

In einem unseren letzten Posts haben wir Ihnen ein Workshop-Format vorgestellt, dass sich auf spielerische Weise mit dem Thema Blockchain/Bitcoin beschäftigt hat. Heute möchten wir Ihnen die Arbeit mit dem Bullshitbingo-Schema als weiteres Workshop-Tool vorstellen, welches man sehr gut im Umfeld eines Business Model Canvas Konzeptes (speziell bei Pain/Gain Identifizierungen), bei Design-Thinking oder diversen Brainstorming-Sessions nutzen kann.

Kreativität muss einfach Spass machen und manchmal kommen ernstzunehmende Ideen aus einem fröhlichen Umfeld.

In jedem problem- und kundenzentrischen Format geht es um die Durchdringung oder Identifizierung von Kundenbedürfnissen. Ohne ein tiefergehendes Verständnis der Kundenmotivationen oder der „jobs-to-be-done“ Ebenen, also von dem was potentielle Kunden tun müssen, um ein Ziel zu erreichen, können wir das Produkt oder die Dienstleistung nicht entwickeln.

Idealerweise dienen Interviews mit Kunden dazu, sich diesen Problemstellungen zu nähern. Falls das aus bestimmten Gründen nicht möglich ist, besinnt man sich meist an lebendige Erinnerungen an Kundengespräche oder Ereignisse oder nimmt eine intrinisches Evaluation vor (Was würde ich benötigen, was würde ich brauchen?). Aber selbst dem direkten Kunden-Interview haftet ein Problem an. Es durchdringt das tatsächliche Problem nicht, erkennt intrinsische Motive nicht oder läuft komplett am Ziel vorbei, weil Kunden sich ihres eigentlichen Problems selbst nicht gewahr werden können.

Angeblich von Henry Ford stammt die Aussage: Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie brauchen hätten sie gesagt: „Wir brauchen ein schnelleres Pferd“. Das Auto hatte logischerweise niemand auf dem Schirm. War es also die schiere Genialität des Autoerfinders, der eine Lösung entwarf, die sich andere gar nicht vorstellen konnten? Nein.

Wir nennen es das Ford/Pferd-Auto Problem und es beschreibt die simple Tatsache, dass Henry Ford die falsche Frage gestellt hätte – wäre er wirklich auf dem Marktforschungstrip gewesen. Er hätte nicht fragen sollen, was braucht ihr? Sondern: Was hindert und hemmt Euch? Dann wäre die Antwort gewesen: „Wir sind nicht schnell genug. Unsere Pferde sind zu langsam, werden oft krank sind erschöpft und fressen zu viel…!“ Hätte man also Menschen in diesen Jahren um die Jahrhundertwende genau zugehört, so hätte man eine Fülle von eben diesen immer gleichen Aussagen bekommen. Daraus hätte man eine Liste machen können, die man an beliebigen Orten und zu beliebigen Zeiten hervorziehen und die identischen Aussagen abhaken können. Sie merken schon worauf ich hinaus will: Wir hätten eine Bullshitbingo Liste bekommen.

Was ist Bullshit-Bingo?

Beim Bingo gilt das Spielprinzip. Ich habe auf einem Stück Papier ein begrenzte Anzahl von nummerierten Feldern. Ich wähle ein paar dieser Nummern aus und warte bis ein Spielleiter aus einer Lostrommel eine beliebige Nummern zieht. Wer als erster alle angekreuzten Nummer auf seinem Papier wiederfindet ruft „Bingo“ und erhält den Jackpot.

In sozialen Netzwerken kreisen eine Menge lustiger Bingovarianten, bei dem man statt „Bingo“ „Bullshit“ rufen kann, wenn alle banalen oder typischen Aussagen in einem beliebigen Event von allen Teilnehmern einmal genannt wurden. Dieses Prinzip nennt sich Bullshitbingo.

Ein schönes Beispiel ist das Berater-Sprech Bullshitbingo bei dem Wörter wie „Synergy“, „Win-Win“, „Mindset“ oder „Benchmark“ so oft die Runde machen dass man recht schnell „Bullshit“ rufen kann.

Bullshit Bingo-02-1

Es gibt auch ein Bullshitbingo-Prinzip, welches typische Aussagen aufs Korn nimmt. Hier ein schönes Beispiel von Handwerker-Bullshitbingo.
Bullshit Bingo-01
Neben der Tatsache, dass Bullshitbingo eine überaus amüsanter Zeitvertreib ist, offenbaren sich aber auch meist tiefere, banale, aufschlussreiche und manchmal peinliche Wahrheiten.

Ein besonders schönes Beispiel ist das Telefonkonferenz-Bullshitbingo…

Bullshitbingo
Fällt Ihnen was auf? Erstaunlich wie man viele der typischen Aussagen, man tatsächlich in jeder Telefonkonferenz wiederfindet und sich mitunter darüber auch ärgert. Ich erwähne nur mal das typische Echo, die schlechte Verbindungsqualität, die Mute-Funktion die nicht jeder begriffen hat.

Im Bullshitbingo steckt (fast) immer eine schmerzhafte Wahrheit

Es ist also komisch und wahrhaftig zugleich. Eine Essenz dessen was uns an einer Telefonkonferenz wirklich nervt und was scheinbar niemand je in den Griff bekommen hat. Ein lieber Kollege sagte einmal zu mir: „Würde man jedes dieser Felder tatsächlich mal angehen und dafür sorgen, dass es nie wieder in einem Bullshitbingo auftauchen würden, dann hätte man die beste Telefonkonferenz der Welt. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese so spaßige Bullshitbingo auf wahren und intensiven Beobachtungen von realen Problemen beruht. Ein Teil dieser Probleme ist typisch menschlich und wird sich wohl nie lösen lassen (zu spät im Meeting erscheinen), ein anderer Teil ist allerdings technischer Natur und könnte sich lösen lassen (Echo, Mute-Funktion, Anwesenheit). Das Bullshitbingo-Prinzip als Arbeitshypothese für ein erfolgreiches Geschäftsmodell, also?

Richtig!

So entstand also die Idee ein Workshopformat zu entwickeln, dass den Spaß in einer Gruppe nicht zu kurz kommen lässt und dennoch zu validen Aussagen kommt, die für die Entwicklung oder Verbesserung eines Produktes dienlich sein können.

 

Und so geht’s. Nehmen Sie sich Themen vor, bei dem Kunden in realen Kontakt zu ihren Produkten gekommen sind. Bilden Sie eine Arbeitsgruppe zu max 4. Personen, die sich die Aussagen zu einem Bullshitbingo Tableau ausdenken müssen oder noch besser aus wahren Kundenaussagen rekapitulieren sollten. Machen Sie das Tableau nicht zu groß, bewährt hat sich ein 4×4 oder 5×5 Kästchen-Format, mindestens aber 3×3.

Nehmen wir an, Sie wären ein Reifenhändler. Und stellen Sie sich vor, welche Anforderungen und Fragen auf Sie zukommen könnten…. probieren Sie es aus und sehen Sie wie schnell man eine ganze Liste an typischen Bullshitbingo-Fragen man zusammenbekommt.

Bullshitbingo2

Ein Beispiel für ein 5×5 Format für den Kreativ-Workshop eines Reifenhändlers.

Stellen Sie das Bullshitbingo Tableau den anderen Workshop-Teilnehmern vor und fragen Sie die Häufigkeit ab. Wieviele Felder würde jeder Teilnehmer tatsächlich ankreuzen können? Wer könnte sogar alle Felder ankreuzen und „Bullshit“ rufen? Welche Aussage wäre die häufigste Nennung?

Danach wird es ernst. Nicht jeder Bullshitbingo Begriff kann wirklich sinnvoll genutzt werden. Aber einige Felder sind spannend. Ziel ist es nun, das Produkt oder Dienstleistung so zu verändern, dass die Aussage nie wieder getroffen würde. Das Entfernen eines Kästchens ist das Ziel. Die Gruppe sollte sich also nun Gedanken machen, welche Lösungen den Kunden weiterhelfen könnten. Im Falle des Reifenhändlers ist das Nicht-Verstehen und Finden der richtigen Reifenwerte das größte Problem. Also kann sich die Gruppe auf die Suche nach Lösungen machen, z.B. das Photographien des Reifens startet eine automatische Erkennung und macht einen Vorschlag…

 

Sie werden sehen. Dieser Kreativworkshop macht sehr viel Spass und bringt darüber hinaus genauso valide Ergebnisse wie andere Problem-Evaluationen.

Probieren Sie es aus! Viel Spass!

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

Comments are closed.