Montag, Dezember 18

Hast Du Dich auch schon mal gefragt, ob es den Job, den Du EIGENTLICH gerne machen würdest überhaupt gibt? Ist es nicht vielmehr so, dass in einer Welt in der Veränderung das neue „Normal“ ist, eine Job-Description sowieso nicht länger als ein halbes Jahr Bestand haben kann? Wenn die stetige, agile Veränderung das Mantra der neuen Silikon-Valley Startup-Kultur ist, wie soll man dann mit nur einem Masters-Abschluss eine ganze Lebens-Karriere gestalten? Die fabelhafte Julie de la Kethulle de Ryhove von der belgischen Unternehmensberatung Board of Innovation hat sich diese Frage auch gestellt. Um genau zu sein, bewegt sie diese Frage schon ihr ganzes Leben lang. Die Story über ihren beruflichen Werdegang mit all seinen schrägen Windungen und Wendungen, den gebrochenen Karriere-Pfaden, Höhenflügen und tiefen Stürzen samt aller erstaunlichen Erfahrungen hat Sie vor einigen Wochen veröffentlicht. Und hier ist er. Exklusiv bei uns!

….

Uff! Heutzutage!

 

Da musst Du irgendwie reinpassen!

Du brauchst einen Abschluss in irgendwas Respektables!

Du brauchst einen guten Job. Ebenfalls was Respektables!

Oder du faltest Dich unter dieses Silicon-Valley-Einhorn-Disruption-Dampfdruck-Dings und startest (natürlich!) dein eigenes Startup.

Aber was ist, wenn Du Dich nicht anpassen willst?

Ich bin Julie de la Kethulle de Ryhove und ich habe mich immer gegen den Strich gebürstet gefühlt (schau nur auf meinen unmöglich langen Namen!). Der status quo ist eintönig daher habe ich – solange ich denken kann – dem sozialen Druck immer etwas entgegenzusetzen versucht.

In anderen Worten:
Ich habe es mir selbst schwer gemacht.

Sozial erwünschte Hobbies, Studien und Jobs machen mich nicht zufrieden. Ich wollte immer das Ungesehene sichtbar machen, das Unbekannte entdecken – Sachen über die beim Abendessen niemand sprechen will.

Aber so ist das. Ohne die Zuhilfenahme psychedelischer Drogen stelle ich mir oft die Zukunft von Morgen vor. Eine Zukunft, bei der wir Jobs haben, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können, wo unsere Karriere eher einer unsteten Reise gleicht. Wo man besser dran ist, Kunst zu studieren als Accounting, wo Lernen irgendwie ins Leben intergriert ist – ich habe Myriarden von utopischen Träumen. Ich fürchte es ist meist nicht dass, was man hören will, nachdem man „kannst Du mir bitte mal das Salz rüberreichen!“ gesagt hat.

Ich leide an Ideen-Überfluss-Störung, wenn es so etwas geben sollte

Als ich 8 Jahre alt war, trug ich ein kleines, schwarzes Notizbuch mit mir herum. Immer wenn ich auf Probleme stieß, die ich nicht lösen konnte, fing ich an, Lösungen zu erfinden.

Meine Freunde haben mich immer als jemanden kennengelernt, der die Dinge anders machen wollte. Wenn ich mit meinem Ehemann in ein Restaurant gehe, wird es immer peinlich.
Immer.

Ich habe in solche klassischen Lebenspfade nie gepasst:

  • In der Schule. Entweder war ich gelangweilt oder im Geist irgendwo anders. Habe nur das Minimum gemacht oder, wenn es genau dass war, was mich für meine späteren Studien interessierte viel viel mehr gemacht, als gefordert war.
  • Unternehmen waren eine gute Lernerfahrung, aber nach einer Weile wollte ich da wieder raus und suchte nach etwas auf das ich mehr Einfluß ausüben können.
  • Als ich für startups arbeitete wurde mir klar, dass ich auch nicht wirklich ein reiner Entrepreneur zu sein schien.

 

1. Schule

Etwas was ich wirklich in meinen Studienjahren lernte war: Du musst die Initiative ergreifen. Wenn man auf der Welt etwas bewegen will, lehrt uns die Schule dazu nichts.

So aufgeregt ich war, meinen Advance Master zu machen, so enttäuscht war ich, zu erfahren, dass ich ein ganzes Jahr lang den Stoff wiederholen sollte, den ich mir bereits vorher angelesen hatte oder Themen beackert wurden, die ich aus Startup Projekten bereits kannte.

Obwohl ich einige großartige Lehrer hatte, sammelte ich aber doch einen Großteil meiner Erfahrungen aus „Nebenprojekten“. Ich arbeitete an 2 pre-startups und vielen Konzepten mit all diesen „Überschuss-Ideen“.

 

Wirklich wichtig und viel viel mehr Wert als die traditionelle
Lehre war die Entdeckung von echten, gedanklichen
Leadership Methoden- und Büchern, Mentoren,
speziellen Events und der Aufbau eines Netzwerks und
selbst die Teilnahme an C-Level Jobinterviews beim Wettbewerb.

 

Lernen durch Selbst-Erforschung, das Anwenden von Theorien mit der Kopplung an reale Lebenserfahrungen war signifikant besser, als immer nur case-studies zu lesen, auch wenn der eine oder andere Feierabend, Urlaub oder ein Wochenende daran glauben musste.

 

2. Unternehmen

Während einer 2 jährigen Arbeitsphase auf Unternehmens-Seite, lernte ich viel über die Komplexität von Prozessen, die Dauer und die politische Dimension von Entscheidungen. Ich lernte alles über die „Ich-Liebe-Meetings“ Kultur und Feinheiten in der Kunst, lernte wie Unternehmen es schaffen, alles was neu ist, in ein beherrschende System namens „DAS-HABEN-WIR-IMMER-SCHON-SO-GEMACHT“ zu packen.

Ich hatte die Chance an 3 Innovationsprojekten zu arbeiten in meiner Rolle als Junior-Marketeer. Zwei dieser Projekte scheiterten, eines war erfolgreich. Der Grund dafür? Es sind immer dieselben Gründe mit dem Corporate Innovation zu kämpfen hat! 9 davon habe ich mal in Form von typischen „Ansagen“ zusammengefasst:

  • >>Nee, nee! Unsere Developer haben keinen direkten Kontakt mit Kunden<<
  • >>Also die KPIs in unserem Business-Modell sind fest mit Investment und Erlös verdrahtet<<
  • >>Unsere Prozesse verlangsamen (oder töten) jede neue Initiative<<
  • >>Weitermachen! Wir haben bereits 100.000 in das Projekt investiert<<
  • >>ROI ist die beste KPI für meine Investition<<
  • >>Wir geben kein Budget für unklare Projektscopes aus<<
  • >>Wir haben einen Prototypen für diesen neuen Service, aber wir haben Angst, dass wir unsere Reputation verlieren<<
  • >>Apple hat das Smartphone erfunden<<
  • >>Die innovative Lösung steht immer an der Spitze, am Ende des Projekts<<

Als ich begann mich über „Board of Innovation“ zu informieren, entdeckte ich, voller Neugier, das Buch „The Lean Startup“ von Eric Ries. Bis dato war ich immer in diesen endlosen Verzettelungen von Theorien gefangen. Aber jetzt gewannen die Dinge an Klarheit.

Ich kündigte meinen Job, nachdem ich „The Lean Startup“ fertig gelesen hatte (und dass an nur einem Wochenende). Eine konkrete Idee was ich nun tun sollte hatte ich eigentlich nicht.

Aber beim heiligen Einhorn! Eines wußte ich:Was auch immer geschehen würde. Ich wollte mich auf Innovation spezialisieren und bei so jemandem wie Board of Innovation arbeiten!

Ich studierte an der Solvay Business School, während ich weiter an Startup-Projekten arbeitete und all die Consultant-Erfahrungen im Innovationsbereich machte und schloss das Studium mit einem „Advanced Master“ ab. All das für meinen neuen Traumberuf: Innovation Consultant.

3. Startups

Auf der Startup-Seite war in verschiedenen Projekten als Berater unterwegs, diente als Jury-Mitglied für einen Venture Capitalist und baute selbst 2 Pre-Startups auf.

Ich lernte digitale und physische Produkte zu entwickeln, Bodenhaftung zu bekommen, Partnerschaften aufzubauen, komplizierte Finanzszenarien und Business-Pläne zu designen.

Es gipfelte darin, dass ich die Aufmerksamkeit und das Interesse eines Business Angel und eines Venture Capitalist überstrapazierte, welche beide in mein Startup „HappyCar“ investieren wollten. Einer von ihnen fragte: „Wieviel brauchen Sie? Ich möchte in Sie investieren!“ I sagte geradeheraus: „1,2 Millionen Euro“ weil ich nicht begriff, dass es sich um einen seriösen VC handelte (ich wollte ursprünglich nur einen Rat von ihm). Er hatte das offenbar ernst gemeint.

Mit dieser Story landete ich bei einer sehr wichtigen Kernfrage: Was, wenn ich mich selber nicht für solche Summen verpflichten will? In dieser Industrie? Für ein solches Konzept? Auf diese lange Zeit? Und wenn ich damit ein Problem habe, warum habe ich dann so viele Monate, so hart daran gearbeitet??

Aaargh! Existenzielle Krise!

Du kannst ein Entrepreneur sein, ohne ein Entrepreneur zu sein!

Ich war also in einer existenziellen Krise. Ich hatte so lange daran gewerkelt ein Entrepreneur zu sein und war doch in der „Wantrepreneur“ Phase steckengeblieben. Das Erschaffen einer neuen Company fühlte sich nach meinem Traumberuf an, aber ich konnte die Verantwortung für eine Company nicht übernehmen und die Flamme dafür dauerhaft hochhalten.

 

Dann las ich einen Artikel (leider nur in Holländisch verfügbar) von Karel Van Eetzelt, in dem er schrieb, „Ich bin kein Entrepreneur in der wahren Bedeutung des Wortes, ich würde mich selbst eher als ‚entrepreneurisch’ bezeichnen.“

Es klickte! Der Druck war weg.

Du kannst ein Entrepreneur sein, ohne ein Entrepreneur zu sein – und ich glaube das braucht die Welt. Wir brauchen entrepreneurische Nicht-Entrepreneure.

That’s what an Innovation Consultant does:
be entrepreneurial on many different challenges at once

Um zukunftshungrige Klienten zufriedenzustellen muss ein Innovation Consultant, eine Ideen-Überschuss-Störung und ein entrepreneurisches Mindset haben. Der notwendige Hunger auf  Wissen wird gestillt durch die Fähigkeit einen Deep-Dive in verschiedene Branchen machen zu können und gleichzeitig spezifische Skills für bestimmten Projekts zu entwickeln. Wie mein alter Kumpel Jasna Rokegem immer zu sagen pflegt: „Ich liebe es wie ein Oktopus mit vielen Tentakeln zu arbeiten!“

Ich verstand auch, dass der Sprung von Konzernen zu Startups und wieder zurück zu Konzernen kein Resultat von Entscheidungsunfähigkeit war, sondern eine wertvolle Erfahrung die, wie es Philippe Mauchard so eloquent beschreibt, „flüssig bilingual Corporate-isch und Startup-isch sprechen!“

Ich baue also auf 2 Jahre Konzern- und 2 Jahre Pre-Startup Erfahrung auf und habe die letzten 2 Jahre damit verbracht, eine Brücke zwischen diesen beiden Welten zu bauen.

Karriere Pfade in der Innovation

Ich wusste nun, dass ich kein eigenes Startup haben wollte und ich war mir gleichzeitig absolut sicher, dass ich mich nie in einer großen Unternehmensberatung wohlfühlen würde. Ich war daher auf der Suche nach kleineren Beratungen mit dem Spezialgebiet „Innovation“ mit einer nicht zu schmalen Bandbreite. 2015 war das gar nicht so einfach, aber immerhin hatte ich irgendwann eine kleine Liste von Unternehmensberatungen beisammen.

Ich hatte bereits erwähnt, dass ich eigentlich die „Rolle“ eines Junior Marketeer vertrat, ein Job, den man in ziemlich vielen Companies findet. Im Bereich der Innovation gibt es diese klare Rolle und den dazugehörenden Karrierepfad nicht. Viele Job-Beschreibungen tragen das Wort „Innovation“ in sich, manche schon im Titel aber wenige Organisationen konzentrieren sich exklusiv auf Innovation. Exakt 3 Wochen nachdem ich meinen neuen Job antrat, erschien der „Field Guide to Jobs in Innovation“ und das Innovation Manager Starter Kit wurde vor ein paar Monaten veröffentlicht; das war sowas wie der unbekannte, Untergrund-Karriere-Pfad der Innovation.

Ich erreichte damit sogar Deb Arcoleo, zu diesem Zeitpunkt Adjacency Innovation Director bei Hershey’s, als sie gerade in einem Post mit dem Thema „building a career in innovation“ mitgewirkt hatte. Der erste Punkt, den Sie in diesem Beitrag diskutierte war „Warum ist eine Karriere in Innovation so schwierig?!“

Zurück zu meiner Geschichte:
Glücklicherweise stolperte ich über „nexxworks“, eine Firma spezialisiert auf Trips zu innovation Mekkas wie das Silikon Valley. Ich war eine der ersten Festanstellungen neben den drei Partnern: Peter Hinssen, Steven van Belleghem und Rik Vera. Ich beschreibe sie mal für diejenigen, die sie nicht kennen als die „Béyonce’s der Innovation“. Ich arbeitete mit Ihnen ein Jahr lang bis die Unternehmensgröße auf 12+ Mitarbeitern angewachsen war. Ich hatte die Chance mit wirklich talentierten Menschen zusammenzuarbeiten, mit Geschäftsführern, mit der Chance die Zukunft von Branchen zu sehen und die Möglichkeit zu haben viele bewunderte Companies im Valley, in Berlin oder Dublin besuchen zu dürfen. Es war eine unvergessliche, inspirierende Erfahrung.

Inspiration. Gutes Stichwort.

Inspiration ist der entscheidende Teil der Innovation: Es bestimmt die vorherrschende Sprache, die Wahrnehmung von Dringlichkeit und befreit den versteckten Treibstoff der Intrapreneure. Und das ist unbedingt notwendig, so wie es Peter immer sagt: „Jage den Geschäftsführern so viel Angst ein, dass keine Scheiße mehr im Leib bleibt!“

Wie auch immer, irgendwann wollte ich nicht nur der inspirative Teil sein, der nur tourt und reist sondern auch diesen One-on-One Fokus mit Unternehmen hinbekommen. Ich wollte die Firmen auf ihrem eigenen Grund und Boden antreffen und dort Inspirationen schaffen.

Wie ich ein Innovation Consultant wurde

Die Job-Beschreibung für den „Innovation Consultant“ sah nach einem perfekten „Match“ aus und der hat sich auch kaum geändert im Laufe der Zeit. Ich war ziemlich eingeschüchtert, als ich merkte, dass ich 1 von 200 Bewerbern war. Das führte dazu, dass ich ein sehr ernsthaftes Web-Stalking betrieb. Ich las die Website vor und zurück, checkte alle Quellen, machte LinkedIn Investigationen ohne Ende. Ich schaute mir die Vitae der bisherigen Mitarbeiter an und deren Beschreibungen, usw. Ich glaube mir entging wirklich nichts. Am Ende verbrachte ich 2 (!) Monate mit der Vorbereitung meiner Bewerbung und überlegte mir innovative Wege dafür.

 

Ich verwarf die Idee meine CV mittels eines Laserstrahls auf den Mond zu projizieren, stattdessen packte ich eine Art Portfolio http://jkr-resume.strikingly.com zusammen und validierte die Idee mit Leuten, die sich mit Innovvation-Recruitment auskannten.

Ich bin nun seit 7 Monaten im „Board“ und ich lebe meinen Traum.

Ich arbeite mit Corporate Innovation Teams, die gerade eine neue Initiative launchen wollen, genauso gerne zusammen, wie mit Leuten die gerade auf einem bestimmten Thema Pionier-Arbeit betreiben . Jeder Tag ist anders und das ist, was ich daran liebe! Es ist strukturiertes Chaos.

Die Bandbreite ist immens: An einem Tag noch ein Kreativitäts-Workshop und 5-Tage-DesignSprint und am nächsten wieder Eintauchen in ein mehrjähriges Innovations-Programm. In diesen 7 Monaten half ich mehreren internen Ventures, machte ein Set-Up für ein externes Accelerator-Programm, plante mit an Innovations-Entwicklungs-Organisationen, baute Erfahrungen mit Business Model Innovation auf und erweiterte sogar meine Expertise bei der Business Model Validierung mit neuen Tools und Methoden. Ich begann zu verstehen, wie man moderne Methoden wie „Lean Startup“ oder Design-Thinking wirklich in einem unternehmerischen B2B Umfeld adaptiert und etabliert. Noch dazu lernte ich Automatisierung und so etwas wie Growth Hacking Taktiken in meinen täglichen Job zu integrieren.

Meine Kollegen sind alles Pros, die sich in einem gut geölten, warmherzigen, ambitionierten und humanen Team zusammengefunden haben. Unsere Gründer sind immer etwas irritiert über spontane Liebesbeweise, naja und etwas komisch ist es schon. Aber es ist auch meine Art Danke zu sagen!

Ja und jetzt lasst uns weiterleben nach dem Motto „Raise the bar“. Wir öffnen Schranken mit jedem neuen Tag. „Raise the bar“ ist übrigens auch unser WLAN-Passwort – aber bitte nicht weitererzählen!

 

Übersetzung: Matthias Henrici mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Dieser Text erschien im Original im Boardofinnovation Blog

Alle Rechte (auch Bildrechte) bei der Autorin!

Links

Inspiriert von Julies Karriere? Wer sich bei unseren Firmen bewerben möchte:

https://www.boardofinnovation.com/jobs/

http://www.safari-consulting.de/karriere/

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

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