Mittwoch, November 22

„Mittelstand meets Startups – Deutschland Sorgenkind der Innovation?“ Das war die Frage des vergangenen Corporate Startup Meetups, das am 28. Juni wieder knapp 140 Gäste ins WERK1 in München lockte.

In entspannter Atmosphäre wurde heiß diskutiert, wie es möglich sei, die alte mit der neuen Welt zu vernetzen. Die Speaker des Abends waren so vielfältig, wie das Publikum. Familienunternehmerin, Gründer, Investor, Business Angel oder Politiker – in einem Punkt waren sich alle einig: Die erfolgreiche Verzahnung unseres Mittelstands mit jungen innovativen Startups wird eine der zentralsten Zukunftsaufgaben werden. Stellen wir uns doch mal vor, erfolgreiche Kollaborationen wären bereits im Kollektiv vorhanden – welche Kräfte sich da entfachen würden. Das käme einer Kernschmelze gleich. Etablierte Unternehmen bekämen endlich den Zugang zu digitalem Nachwuchs, den sie so sehr brauchen.

Die Innovationsimpulse durch Startups würden ihnen außerdem helfen, ihre etablierten Geschäftsmodelle auf das digitale Zeitalter zu übertragen und damit zukunftsfest zu machen. Aber auch die Gründerinnen und Gründer kämen voll auf ihre Kosten: Neben direkten Investments werden vor allem Assets, Know-How und Kunden benötigt, um auch in spezialisierten oder hoch-technischen Bereichen gründen bzw. wachsen zu können. Eine absolute „Win-Win-Situation“. Deutschlands Innovationsfähigkeit wäre erst einmal gesichert.

Zahlreich strömten die Innovations- und Zukunftsbegeisterten ins WERK1 in München

Aber auch unsere Regionen würden profitieren. Sind doch gegenwärtig viele Mittelständler in den Regionen verteilt, bündeln sich die Mehrzahl der Startups in Gründerhochburgen wie Berlin, Hamburg oder München. Eine konkrete Verzahnung unserer provinzialen Mittelständler mit urbanen Startups könnte auch zu mehr Austausch zwischen Stadt und Land führen. Mehr Startups in den Regionen würden ländlichere Regionen verjüngen, gar revitalisieren. Bei entsprechender Aufwertung der Regionen und der Schaffung guter Infrastruktur könnten sich bestimmte Regionen aber auch selbst zu neuen Hochburgen entwickeln und damit Druck aus überfüllten Ballungszentren nehmen.

Klingt toll? Ist aber noch ein brutal dickes Brett zu bohren. Denn, und das ist Fakt – haben viele Mittelständler schlicht kein Interesse am Austausch mit Startups. Viel beruht sicherlich auch auf Unwissenheit. Berechtigte Skepsis ist aber geboten, wenn man beobachten konnte, wie sich in Berlin bereits Startup-Blasen in Luft auflösten. Viel heiße Luft um nichts? Zu groß scheint dort die Kluft zwischen „ehrbarem Kaufmann“, „regionaler Verbundenheit“ und „Traditionsbewusstsein“ auf der einen Seite und „Club Mate“, „Baukasten-Business“ und „schnellem Exit“ auf der anderen Seite.

Doch, und das zeigen Beispiele – gibt es kein Weg dran vorbei. Zu groß sind die Vorteile und die Notwendigkeiten, beide Welten miteinander zu verheiraten.

Wenn wir dazu übergehen, Startups und Mittelstand als Partner in Spe zu betrachten, dann stellt sich uns die Frage, wie wir diese miteinander verheiraten können. Eins vorweg – an Kennlern-Möglichkeiten mangelt es nicht. Zu viele Veranstaltungen, ob nun gute oder schlechte, haben sich das schon auf die Fahnen geschrieben. Ein „Tinder“ für die erfolgreiche „Mittelstands-Startup-Liasion“ ist nicht zielführend, wenn es dann nicht einmal zum Beschnuppern kommt. Vielmehr braucht es „Date-Doktoren“, die es schaffen, bestehende Ökosysteme quer zu vernetzen und mehr machen, als nur die Vorstellung beider Parteien zu übernehmen. Diese „Date-Doktoren“ müssen die Partner in Spe einander bekannt machen ja, aber vielmehr müssen sie einander Chancen aufzeigen, Türen öffnen, beide Partner an die Hand nehmen und dort übersetzen, wo Verständnisprobleme aufeinander treffen. Diese „Sherpa“ müssen sich in beiden Welten auskennen, zwischen ihnen wandeln und das Vertrauen beider Seiten genießen. Und sie müssen beider Sprachen mächtig sein und dann an den entscheidenden Stellen die Brücken bauen, die ansonsten niemals auch nur in Auftrag gegeben worden wären.

Die „Date-Doktoren“, die Filterblasen durchbrechen und erst am Traualtar Halt machen sind das eine. Der richtige, zukunftsweisende Nährboden ist das andere. Und da sind Politik, aber auch Gesellschaft gefragt. Ja, wir müssen mehr in all das investieren, das dem Austausch förderlich ist. Förderprogramme für beide Seiten ausweiten, steuerrechtliche Anreize schaffen, den Ausbau von Bildungseinrichtungen zu „Begegnungsstätten“ mit Praxisbezug vorantreiben. Genauso müssen aber auch digitale und freiheitliche Ökosysteme endlich Realität werden, in denen Mittelstand und Startups, frei von bestehenden Korsetts, auf der grünen Wiese ausprobieren können. Der Begriff „Sonderwirtschaftszone“ wurde bereits geprägt und findet im Ausland Anwendung. In diese Richtung müssen wir weiter denken. Und das geht weit über den ökonomischen Anwendungsbereich hinaus. Schaffen wir es, mit solchen Programmen unsere Regionen aufzuwerten und eben auch für junge Menschen wieder bewohnbar zu machen – so ließe sich ein Ventil ziehen aus überteuerten Mietmärkten der Metropol-Regionen.

Ich kann gar nicht alles aufzählen, was an Bedingungen für solch eine Partnerschaft alles erfolgreich bewältigt werden muss – sei es auf der Ebene der Unternehmen oder auf Seiten von Politik und Gesellschaft. Die Liste wäre lang. Aber wie auch im echten Leben heißt es auch bei dieser Liebe in Spe – traut euch und versucht es einmal. Gern mit Hilfe der „Date-Doktoren“, von denen es schon dem einem oder anderem in den Fingern juckt.

www.corporate-startup-muenchen.de

About Author

Christopher Meyer-Mölleringhof hat einen Bachelor-Abschluss an der WHU Vallender und einen Master-Abschluss an der IE University in Madrid gemacht. Bei Safari Consulting hilft er Unternehmen dabei, Innovationen zu realisieren. Seiner Meinung nach stehen Wirtschaft und Gesellschaft vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel. Demnach verlieren alte Regeln an Gültigkeit und bedürfen einer Neubewertung. Christopher setzt sich dafür ein, Themen neu zu denken, anders zu machen und damit den Status Quo herauszufordern.

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