Montag, Dezember 18

Die Mensch vs. Maschine Diskussion ist nicht neu. Schon im Altertum diskutierten Philosophen über den Verlust der Alleinstellung (direkt nach den Göttern) und der gleichzeitigen Austauschbarkeit des Menschen. Diese Diskussion verschärfte sich mit dem französischen Philosophen Descartes, der mit der Annahme, der Mensch sei nur eine determinierte Maschine aufwartete. Zwar sei es, zugegebenermaßen, eine sehr komplexe Maschine, aber seine Thesen nahmen die Annahme vorweg, Maschinen könnten dereinst eine Kopie des Homo Sapiens werden. In der Neuzeit und mit Beginn der industriellen Revolution explodierten dann diese Auseinandersetzungen und münden heute in den Diskussionen über die mögliche Übernahme der Weltherrschaft durch die künstliche Intelligenz.

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Abb: Charlie Chaplin im Wettlauf mit der Maschine (1936)

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Wie auch immer diese Diskussionen aussehen, die real spürbaren Veränderungen im Zusammenspiel zwischen Technologie und Mensch, treffen uns bis ins Mark. Es beginnt mit der Art, wie wir Nahrung anbauen, wie wir uns fortbewegen, wie wir kommunizieren und uns informieren und es endet nicht nur darin wie wir lieben und wie wir Sex haben sondern eben auch darin wie wir leben und wie wir arbeiten. Aber es gibt auch neue Denkansätze, die von den genannten Vordenkern deswegen nicht erwähnt wurden, weil sie eben noch nicht in dieser neuen Welt lebten. Es ist 2017 und es ist an der Zeit, dass wir uns ernsthaft neu damit beschäftigen.

Alle reden von Mensch vs. Maschine. Aber schon die Formulierung klingt wie ein Scheitern, suggeriert durch das „versus“. Wie sieht denn eine „fehlerhafte“ Mensch-Maschine Beziehung heute aus?

Um das Problem zu beleuchten erzähle ich gerne folgende – leider wahre – Geschichte.
Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstag der 9. Februar. Der DB-Fahrdienstleiter Michael P. spielt – laut den späteren Untersuchungsergebnissen der Ermittler – auf dem Handy das Spiel „Dungeon Hunter 5“ ununterbrochen von 5.11 Uhr bis 6.40 Uhr. Abgelenkt durch das Spiel trifft er eine verhängnisvolle, tödliche Entscheidung. Zwei Züge – der Meridian 79506 der Bayerischen Oberlandbahn von Rosenheim kommend und der Meridian 79505 aus der Gegenrichtung – sollen sich laut Fahrplan im Bahnhof Kolbermoor kreuzen. Michael P. sagt, er sei „… im Kreuzungsplan um eine Zeile verrutscht…“ und habe angenommen, die beiden Züge sollten sich im Bahnhof Bad Aibling kreuzen.

So gibt er den entgegenkommenden Zügen auf der eingleisigen Strecke jeweils freie Fahrt. Nach einiger Zeit bemerkt er den Fehler und versucht die beiden Zugführer über das bahneigene Netz GSM-R Funk zu erreichen, das hätte auch funktionieren können, da die Züge selbstverständlich über entsprechende Anlagen verfügen, die auch zu diesem Zeitpunkt funktionstüchtig sind. Aber das Schicksal nimmt einen anderen Lauf, er wählt die falsche Telefonnummer. Statt in den Zügen anzurufen klingelt es bei einer anderen Fahrdienstleistung. Als er den Fehler schließlich bemerkt, ist es zu spät, die beiden Züge stoßen gegen 6:46 Uhr zusammen und 12 Menschen sterben, Dutzende werden teilweise schwer verletzt. Die Zugführer hatten keine Chance.

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Warum sollte der Mensch etwas machen, was eine Maschine besser kann?

Ich möchte hier gar nicht über persönliche Schuld, Dummheit oder Unfähigkeit sinnieren, das Verwunderliche an diesem schrecklichen Unfalltod ist der Anachronismus, dass es in einem angeblichen Hightechland, in einem der fortschrittlichsten Wirtschaftsnationen der Welt noch SOLCHE Jobs gibt?

Schauen wir uns die beruflichen Aufgaben des Fahrdienstleiter genauer an, so stellen wir fest:

  1. Ein Fahrdienstleiter hat meist repetitive Aufgaben ohne große Herausforderungen zu erfüllen. Wenn nicht gerade hochgradig außergewöhnliche Zustände herrschen, die zu einem komplexen Szenario an Verspätungen, Umleitungen oder andere Situationen führen, die ein Eingreifen erforderlich machen, wiederholt sich der Arbeitsalltag mit planmäßig, stupider Regelmäßigkeit.
  2. Diese Regelmäßigkeit ist der Feind der Aufmerksamkeit, nur so war es möglich, dass jemand überhaupt während der Arbeitszeit an einem Handy spielen konnte.
  3. Trotz der wiederholenden Tätigkeit, wurde dem Fahrdienstleister eine sicherheitsrelevante Aufgabe übertragen.
  4. Das Umschalten von Langeweile, bzw. Abgelenktheit auf den Panikmodus in nur wenigen Sekunden, führte sofort zu einem weiteren Totalausfall, dem Wählen einer falschen Telefonnummer.
  5. Praktisch keine, technisch mögliche Fehlervermeidung wurde auf dieser Strecke eingesetzt. Also kein Kollisionswarngerät in den Zügen, keine Logik-Software die hätte warnen können und noch nicht mal eines der schon seit Jahrzehnten bekannten Warnsysteme, die einfach nur feststellen müssen, dass sich 2 Züge auf einer Strecke befinden und dann alle Signale auf „Rot“ stellen.

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Autos fahren eigenständig durch den Stadtverkehr und ein „Bahnbeamter“ muss noch Knöpfchen drücken?

Man lasse sich mal die Worte des Fahrdienstleiters auf der Zunge zergehen: „Auf dem Kreuzungsplan um eine Zeile verrutscht…“ ?? Eine außerordentliche Aussage, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass wir uns im technologischen Zeitalter befinden; im Jahre 48 nach der Mondlandung, bei dem Serien-Autos alleine durch dichten Stadtverkehr fahren können. Hier geht es im Kern um Tätigkeiten eines Menschen, die durch jede einfache Steuerungssoftware nicht nur schneller sondern auch mehrfach abgesichert durchgeführt worden wäre. Ein Computer hätte sogar einen Notruf an die richtigen Adressaten gesendet.

Die Deutsche Bahn hat längst bestätigt, dass es auf anderen Strecken schon seit Jahrzehnten vollautomatische Steuerungssysteme gibt. Dieses System wird nun auch in Bad Aibling installiert werden. Dort tätige Fahrdienstleiter werden wohl mit anderen Aufgaben betreut werden. Gut so. Das ist einer der Jobs, die ihr unrühmliches Ende als „below-the-code“ Job finden werden.

Es liegt eine bittere Ironie in dieser Geschichte, dass das Handy des Fahrdienstleiters genügend Computerpower hat, um seine Aufgabe beinahe vollständig zu übernehmen. Die Bahn selbst bietet in jedem gut sortierten App-Store einen Zug-Simulator an.

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Jobs und Aufgaben wandern „below-the-code“ – ob wir wollen oder nicht

Wer diesen Begriff zum ersten Mal prägte ist nicht ganz klar, ich hörte zum ersten Mal auf der Digital Leader Conference in Aarhus davon. Mit below-the-code Job bezeichnet man eine berufliche Tätigkeit, die durch eine digitale Innovation, einen Computer oder gar ein KI-System abgelöst wird oder durch diese potentiell gefährdet ist. Der Fall Bad Aibling zeigt, wie sehr man einen Job, der eigentlich ein below-the-code-Job ist, so relativieren kann, dass er wieder unabdingbar wird: Die Fahrdienstleitertätigkeit, vorgenommen durch einen Menschen, hätte man bereits ein Jahrzehnt vorher durch ein Computersystem in Teilen ersetzen können. Politische, finanzielle, regulatorische und soziale Gründe dämpfen solche Entwicklungen aber stets empfindlich ab, sonst würden schon deutlich mehr Menschen in Deutschland ihren Job verlieren.

 

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Abb. Mit der Zeit steigert sich die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen. Repetitive Jobs werden dadurch ersetzbar. Die Entwicklung von Technologie wird in dieser Abbildung zunächst „nur“ linear betrachtet

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Ein Beispiel:
Vor einigen Monaten hatte ich die Gelegenheit – zusammen mit einem schweizer Kunden – das älteste deutsche Logistikzentrum „FRA 1“ von Amazon in Bad Hersfeld zu besuchen. Wir waren baff, wie viel Handarbeit, vom Picking-Service bis zur Verpackungsstrasse noch von Menschen vorgenommen wurde. Das ist aber nur in den alten Zentren wie FRA 1 so. Mit jeder Neuplanung, jedem Neubau eines Logistikzentrums setzt Amazon mehr Automatisierung ein. Bad Hersfeld ist quasi der Dinosaurier unter den Logistikzentren des Versandhandelsriesen. Den meisten der über 4000 Mitarbeitern vor Ort ist sehr bewusst, dass ihre Jobs keine besonders lange Halbwertszeit haben. Sie rechnen fest damit, dass bei den nächsten großen Umbauphasen Jobs wegfallen und durch Maschinen ersetzt werden.

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Achtung Verwechslungsgefahr: Ja. Roboter sind teuer aber KI-Systeme nicht!

Bislang waren Computersysteme nur dort Jobkiller, wo der Job extrem wiederholbar und durch klar-definierte Algorithmen darstellbar war. Fast jegliche Tätigkeit an Fließbändern gehörte bislang zu diesen below-the-code Jobs. Determiniert wurde dieser Übergang von menschlicher zur maschineller Arbeitskraft lediglich durch einen Abgleich von Kosten/Nutzen. Für Fließbandjobs galt aber auch: Roboter sind teuer. Stimmt – weil es komplexe und anspruchsvolle Hardware ist!

Deutlich billiger als Roboter sind mittlerweile allerdings sehr leistungsstarke Computersysteme, insbesondere solche mit kognitiven und neuronalen Fähigkeiten. Der Zugang zu solchen rechenintensiven Systemen wird durch Cloudservices noch einfacher und kostengünstiger. Im Gegensatz zu einem Robotik-System sind diese einfacher zu warten und billiger in der Anschaffung. Genau diese Systeme bedrohen nun praktisch JEDE Art von beruflicher Fähigkeit. Nimmt man dazu noch Moores Law in die Gleichung mit auf, so lässt sich statt einer linearen, eine exponentielle Veränderung erkennen. D.h. wir fallen noch schneller „unter“ den Code als bislang angenommen.

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Abb. Einige Beispiele, welche Jobs betroffen sein können. Die rote Linie betrachtet die exponentielle Entwicklung von Technologie

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Wenn wir bei Mensch vs. Maschine nur an Robotik denken, dürfen wir den feinen Unterschied nicht übersehen. Der geringe Investitionsbedarf für moderne KI bedroht also nicht nur die Industrie sondern auch Dienstleister!

Also fallen nicht mehr nur der Lastwagen- oder Taxifahrer unterhalb der Code-Grenze, sondern auch andere durchaus hoch bezahlte Berufe wie Wirtschaftsprüfer, deren Job durch eine Big-Data Einheit ersetzt wird oder der Röntgenarzt, der von einem IBM Watson Assistenzsystem abgelöst wird.

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Abb: IBM Watson erstellt in 10 Minuten die Diagnose über eine seltene Leukämie, für die Spezialisten Monate gebraucht hätten. Ein echter Schock für erfahrene Onkologen und ein Beweis dafür, wie sehr KI Systeme uns zwar helfen, aber auch Top-Jobs in Gefahr bringen können.

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Selbst vor Personaldienstleistern macht diese Ablösewelle nicht halt, wie der Fall Randstad zeigt, die mit Hilfe der Software Precire von Psyware alle Vorgespräche digital führt, der Computer errechnet aus dem Gespräch dann ein unheimlich genaues, psychologisches Profil des Bewerbers.

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Wie bleibe ich „above-the-code“ ?

Welche Jobs werden wir in Zukunft noch haben können? Wie sieht die Zukunft unserer Arbeit denn nun aus?

Ganz wichtig: Es geht nicht um den Beruf an sich. Der Lastwagenfahrer und der Röntgenarzt, der Schlosser und der Anwalt, ALLE können eine berufliche Zukunft haben, wenn sie sich nicht repetitiv aufstellen, wenn sie sich nicht auf wiederholbare Muster „eingrooven“. Noch fehlt den KI-Systemen die unglaubliche Agilität und Flexibilität die uns Menschen ausmacht. Wir sind also dann „above-the-code“, wenn wir uns flexibel, in einer agilen Arbeitsumgebung befinden und lernen und in sehr kurzen Sprints mit neuen Themen beschäftigen.

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Je menschlicher wir in Zukunft arbeiten, desto mehr hängen wir die KI ab!

Dazu bedarf es einem Arbeitgeber, der diese flexible Lebendigkeit möglich macht, der sich seine Unternehmens-DNA auf Agilität umprogrammieren lässt und es bedarf Arbeitnehmern, die gelernt haben ihre Arbeitswelt als offenes System zu begreifen. Jede Woche oder zumindest jede zweite Woche eine neue Denkweise zuzulassen, sich Dinge anzueignen, die vorher undenkbar schienen und sich generell ambidextrisch, also beidhändig zu verhalten, ist nicht von heute auf morgen möglich. Eigentlich – wenn man es recht bedenkt – eine sehr menschliche und humane Einstellung zu Arbeit, oder? Wird also der Röntgenarzt oder der Onkologe bald seinen Job verlieren? Natürlich nicht – aber wenn wir Glück haben, dann werden Assistenzsysteme die Ärzte aus dem Hintergrund unterstützen und es könnte wieder Raum für mehr Gespräche mit Patienten geben. Noch haben wir die Zeit uns entsprechend selber darin zu schulen. Ein Ziel zu haben und gleichzeitig das Ziel nach einer Zeit des Experiments zu verändern ist die Kraft, die jede künstliche Intelligenz schlägt.

 

Herzlich laden wir Sie zu zwei Veranstaltungen ein, die sich mit dem Thema Arbeit der Zukunft beschäftigen:

  1. Auf dem Innovationbrunch am 24.1.2017 im NEW Blauhaus in Mönchengladbach. Anmeldung und weitere Infos
  2. Auf dem CSM (Corporate Startup Meetup) in München am 1.2.2017. Anmeldung und weitere Infos

 

 

Bildnachweise: Fotolia, Safari, IBM und Charlie Chaplin, Modern Times

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

1 Kommentar

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich möchte Sie um Ihre Unterstützung für meine Masterarbeit im Themenfeld Innovationsmanagement bitten.

    Ich bin Alina Behne und studiere Wirtschaftsinformatik an der Universität Osnabrück (aktueller Notendurchschnitt: 1,3). Fokus meiner Masterarbeit ist ein Cross-Industry innovative Technology Framework, das ein Vorgehen für die Identifizierung und Bewertung innovativer, branchenfremder Technologien umfasst. Nachfolgend möchte ich dieses anwenden, wofür ich Expertenkenntnisse über aktuelle, innovative Technologien benötige. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn einer Ihrer Mitarbeiter von „Der Innovationsblog“ seine branchenübergreifende Expertise über Innovationen im Bereich Technologien mit mir teilt. Dafür reicht ein Telefoninterview (max. 45min) aus, in dem ich Ihnen überwiegend offene Fragen über neue innovative Technologien stelle.

    Falls Sie mich unterstützen und Teil meiner Masterarbeit werden möchten, nennen Sie mir Datum und Uhrzeit, an dem Sie das Interview durchführen können. Da ich mir vorstellen kann, dass Sie einen vollen Arbeitstag haben, nennen Sie mir auch gerne Zeiten außerhalb der regulären Geschäftszeiten.

    Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung (telefonisch oder per Mail).

    Mit vielen Grüßen
    Alina Behne