Freitag, Oktober 20

Sensoren, Maschinendaten und Funkprotokolle – ein Innovationsexperte über die Eigenart der Ingenieure, vor lauter Technik den wirklichen Nutzen zu vergessen.

 

„Liebe Ingenieure,

Es gibt nicht wenige von euch, die sich stolz hinstellen und davon reden, dass es nun die Daten seien, die den großen Fortschritt und das große Geld bedeuten würden. Immerhin wurde das 21.Jahrhundert schon ganz auf die Digitalisierung reduziert und eine schnelle Transformation als einzige Überlebenschance ausgerufen. Schnell verfielen auch die großen Firmen wieder dem Goldrausch vergangener Zeiten.

Begrifflichkeiten, wie Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) wurden schnell geprägt, wenn es darum geht, Maschinendaten auszulesen und für Folgezwecke zur Verwendung anzubieten. Alles soll mit Allem kommunizieren, so die Vision von euch Ingenieuren und all derer Technikbegeisterten, für die allein die technische Machbarkeit ausreichend scheint, um Sinn und Zweck solange hinten an zu stellen, bis keiner mehr fragt.

Zweifelsohne ist die Anpassungsfähigkeit an das digitale Zeitalter der Überlebensfaktor schlechthin – für Unternehmen genauso wie für ganze Volkswirtschaften. Doch wird dabei verkannt, dass es nicht die Technik allein ist, die unternehmerischen Erfolg erzeugt und damit zu unser aller Bruttosozialprodukt beiträgt. Es sind doch viel mehr die Geschäftsmodelle hinter den technik-affinen Produkten und Dienstleistungen, die echten Mehrwert schaffen und damit auch die Nachhaltigkeit des ganzen Angebots sichern.

 

Messe-Wirr-Warr

Wie oft durfte ich euch schon auf euren Messen treffen oder sog. Startup-Treffen beiwohnen, wo ihr Ingenieure und Startup-Nerds euch gegenseitig für die technische Machbarkeit von maschineller Datenauswertung auf die Schulter klopft. Auf die Frage, wem diese technische Raffinesse denn Mehrwert biete, habt ihr oftmals genauso verschreckt reagiert, wie auf die Frage, wie sich damit denn nachhaltig Geld verdienen ließe.

Ich durfte schon unzählige eurer spannenden Use-Cases im Bereich der M2M-Kommunikation kennenlernen. Die einen mit größerem Potential, andere eher in Nischenbereichen angesiedelt. Was den meisten fehlte? Das Geschäftsmodell. Und es sind gar nicht nur die kleinen Startups, bei denen der geniale Einfall bisher ausblieb. Auch eure Arbeitgeber, die sich auf Fachmessen für ihre überlegende Technik feiern, bei Nachfrage nach dem Geschäftsmodell aber genauso in die Röhre guckten, wie die Jungs aus der Startup-Bude.

 

Glaubt ihr mir nicht? Naja, Smart Farming, Smart Parking, oder Smart Clothing schon mal gehört? Das verkauft Ihr, Fachfremden wie mir, gern als innovative Konzepte der Zukunft. Aber hat sich da schon mal was getan in Richtung „Roll out“, wie wir Berater das gern „denglischen“. Technisch ist das alles schon seit sehr langer Zeit machbar. Doch habt ihr das schon einmal außerhalb eurer eigenen Messestände gesehen? Was hab ich nicht schon alles sehen können die letzten drei Jahre auf Cebit und Hannover Messe. Jedes Jahr die gleichen Use-Cases ohne Realanwendung.

Industry 4.0 Factory Automation Concept. Robot hands controlled by skilled laborer with tablet PC.

Deutschland – ein Silo-Land?

Woran mag das liegen? Warum seid ihr, technisch hochbegabt, in der Lage, den verrücktesten Kram auf die Beine zu stellen, lasst euch aber schön die Butter vom Brot nehmen, wenn es darum geht, eure großartigen Ideen auch erfolgreich zu vermarkten?

Warum sind es in den letzten Dekaden oft nur Amerikaner gewesen, die neue Technik auch in erfolgreiche Firmen und entsprechende Vermarktung überführt haben? Zur Erinnerung – auch die MP3-Technologie wurde einmal von euch in Deutschland erfunden.

 

1. Das Denken in Wertschöpfungs-Silos

Disruptive Innovationen weichen starre Wertschöpfungsgeflechte auf. Nur wird das selten erkannt, obwohl es so einleuchtend sein kann. Der Einzug der MP3-Technologie kann als gutes Beispiel dienen. Während existierende Akteure der Wertschöpfungskette „Music Business“ den Fortschritt der MP3-Technologie ausschließlich zur Verbesserung eigener existierender Produkte innerhalb der eigenen Wertschöpfungsstufe genutzt hatten, definierte Steve Jobs mit iTunes ein neues Leistungsversprechen und integrierte bestehende Wertschöpfungsstufen unter einem neuartigen Dach. Während sich die Produzenten von Walkman-Abspielgeräten nur damit begnügten, eine neue Art von Abspielgerät zu bauen, integrierte Steve Jobs alle relevanten Bausteine (Hardware, Software, Infrastruktur, Vermarktung und Service) unter einem Dach und ermöglichte damit auch grundsätzlich neue Geschäftsmodelle aus einer Hand. Der Mann dachte nicht ausschließlich technisch, sondern in Kundennutzen und Geschäftsmodellen!

2. Das Denken in Branchen-Silos

Während Unternehmen im Silicon Valley seit langer Zeit den Austausch zwischen Akteuren verschiedenster Branchen pflegen und damit vielen neuen Ideen in einer digitalisierten Welt Türen und Tore öffnen, steckt der Begriff „Cross Company Innovation“ oder „Unternehmensübergreifende Zusammenarbeit“ in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Während in den USA Technologiefirmen zusammen mit Pharmakonzernen und Non-Profit-Organisationen an neuartigen Geschäftsmodellen tüfteln und Dienstleistungen an den Markt bringen, die konkreten Mehrwert schaffen, tun sich deutsche Unternehmen mit der Öffnung nach Außen sichtlich schwer. So gibt es zwar über Jahrzehnte gewachsene Abhängigkeiten und milliardenschwere Seilschaften. Jedoch in der großen Anzahl nur innerhalb eines Branchenkonstrukts. Die Liebe zwischen Automobilherstellern und ihren Zulieferern dient da als Beispiel. Oder wann habt ihr euch das letzte Mal mit Vertretern anderer Industrien richtig austauschen können – und zwar ohne jedwede Limitation und dem gegenseitigen Unterschreiben von „Geheimhaltungsvereinbarungen“?

 

Meine Bitte an Euch:

Wie sollen moderne Technologien mit diesen Einschränkungen auch hier dafür sorgen, als „First Mover“ voran zu gehen und weltweite Maßstäbe zu setzen? Deutschland als Land der Dichter und Denker wird zum Land der Umsetzer degradiert werden, wenn es euch nicht gelingt, smarte Ingenieurskunst auch branchenübergreifend in solide Geschäftsmodelle zu überführen. Wir müssen mal über den Tellerrand blicken und vom allerersten Tag an in unternehmensübergreifenden Geschäftsmodellen denken lernen. Dafür muss zum einen Verständnis bei euren Vorgesetzen aufgebaut werden. Bestenfalls durch eine neue Generation von digitalen Führungskräften, die aus euch bestehen wird. Genauso wird es auch erforderlich sein, German Valleys aufzubauen. Diese sollen nicht nur als Communities dienen, sondern auch lokal dafür Sorge tragen, ökonomische Ökosysteme nach dem Brutkastensystem aufzubauen und weitere Partner aus Wissenschaft, Forschung und Startup Szene zu integrieren oder gar neu heranzuziehen.

Das kann keiner allein, doch es gibt überall Hilfe.

 

Liebe Ingenieure – schafft ihr es, mehr als nur Maschinen miteinander zu vernetzen, nämlich auch Ideen und Tatkraft – so braucht sich Deutschland vor einem Silicon Valley nicht fürchten. Weder heute noch morgen.“

About Author

Christopher Meyer-Mölleringhof hat einen Bachelor-Abschluss an der WHU Vallender und einen Master-Abschluss an der IE University in Madrid gemacht. Bei Safari Consulting hilft er Unternehmen dabei, Innovationen zu realisieren. Seiner Meinung nach stehen Wirtschaft und Gesellschaft vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel. Demnach verlieren alte Regeln an Gültigkeit und bedürfen einer Neubewertung. Christopher setzt sich dafür ein, Themen neu zu denken, anders zu machen und damit den Status Quo herauszufordern.

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