Mittwoch, November 22

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Digitalisierung dieser Welt auf alle Bereich unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens auswirkt. Nichts ändert sicher gerade so schnell, so massiv und so nachhaltig wie die klassischen Prozesse im Umgang mit Waren, Ideen und Wissen und auch mit Geld. In der Konsequenz dürfen sich Banken und Versicherungen, sowie die zuliefernden Dienstleistungen auf entsprechende Änderungen gefasst machen und vorbereitet sein. Schaut man sich allerdings die Finanzwirtschaft in Deutschland an, so ist von diesen dramatischen Veränderungen wenig zu bemerken. Im Gegenteil!

 

Auf der Pressekonferenz am 28. Januar 2016 kündigte Deutsche Bank einen Rekordverlust von 6,8 Mrd. Euro an. Damit ist die Bank an der vordersten Front derjenigen Institute, die sich von internationalen Vorreitern zu marginalen Randfiguren entwickeln. Von der einst selbstbewussten, machtvollen Institution Deutsche Bank bleibt nur noch ein schrumpfender Zipfel. Aber das Schlimmste ist, dass die Vorstände scheinbar keinerlei Visionen oder Konzepte mehr haben, wo die Reise hingehen soll. Man will ins Investmentbanking zurück. Aber ist es wirklich ein lohnenswertes Ziel nur noch dahin zu wollen, wo man schon mal war?

 

Der Angriff auf die traditionellen Business-Modelle

Betrachten wir uns diejenigen Businessbereiche, die bislang den Mehrwert, das Selbstverständnis und die Alleinstellung der Unternehmen ausgemacht hat:

 

A) Angriff 1: Das klassische Endkunden-Geschäft, Girokonto, & Co. Der Niedergang des Filialgeschäfts ist sozusagen die älteste Veränderung der vielen Veränderungen im Bankenumfeld und begann bereits mit der Einführung der Geldautomaten im Jahr 1968. Man kann sagen, dass es den Banken damals eher gelegen kam. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen konnte man bei bei Investoren und Aktionären immer punkten und sich des Beifalls sicher sein. Aber durch das Aufkommen der so genannten „Direktbanken“, also von Banksystemen, die außer Automaten überhaupt keine Filialen mehr brauchen, begann so etwas wie die Kernschmelze. Mehr als zwei Drittel aller Arbeitsplätze und die Hälfte aller noch bestehenden Filialen wird dieser Schmelze in den nächsten Jahren zum Opfer fallen. Man schauen sich auch Numbers26 an, eine Blaupause für das, was modernes Banking im Smartphone-Zeitalter bedeutet!

 

B) Angriff 2: Das Ende der Überweisung ist nahe: mal ehrlich. Ist das Ausfüllen eines Überweisungsformulars wirklich die zeitgemäße Art Geld von A nach B zu transferieren? Nein. Natürlich nicht. Und so hat der Angriff, der durch vielfältige Online-User-Experience erfahrenen Newcomer, längst begonnen. Allen voran Paypal, mit einem schon jetzt weit verbreiteten und gerne genutzten Bezahlsystem könnte den Banken das Überweisen leidig machen und es dem User schmackhaft machen, nicht mehr zweigleisig zu fahren. Zu spät hat man sich bei den Banken über die Vereinfachung der Systeme Gedanken gemacht und an entsprechenden Lösungen gearbeitet. Daher war es ein leichtes eine App á la Numbrs zu entwickeln, die immerhin noch auf die klassischen Systeme setzen, aber ein easy to use Überweisungssystem, das dennoch den Sicherheitsbedürfnissen nachkommt, auf die Beine zu stellen.

Hands holding credit card and using laptop. Online shopping

C) Angriff 3: Das Kreditsystem: Es ist kein Geheimnis, dass ein ins bodenlos gefallener Zinssatz dem kompletten Bankensystem das Geschäft verhagelt. Aber das ist es nicht allein: Dass Banken einst der erste Anlaufpunkt für die Kreditvergabe waren, ist ebenfalls längst Geschichte und eines der Top-Auslaufmodelle! Mit Hilfe von Vergleichsportalen wie Check24 oder Vergleich.de haben Nutzer längst die Kontrolle über die Entscheidung des besten Kredits übernommen. Aber zumindest werden Ihnen hier überhaupt noch Kredite von Banken angeboten. Mit der Digitalisierung der Annahme und Vergabe, sowie der Prüfprozesse geht eine Demokratisierung und Vereinfachung des Kreditprozesses einher. Alleinstellung goodbye! Aber die letzte Bastion – die Immobilienfinanzierung – ist noch nicht genommen. Noch nicht. Aber die ersten Startups stehen schon in den Startlöchern, um Ideen auf den Markt zu werfen, die den Bankern den Angstschweiß auf die Stirne pusten können.

 

D) Angriff 4: Das Investmentbanking. Die Bank als Garant für die Unterstützung bei Investitionen und Förderung von Wachstum? Dieses Ammenmärchen konnte man dem leidtragenden Mittelstand und aufstrebenden Startups noch nie wirklich weismachen. Strikte Regulationen (Basel2), massive Bevormundung und ausbeuterische Konditionen haben das Bild der Banken geprägt. Da ist es nicht verwunderlich, wie dankbar man als Firmengründer Crowdfunding Plattformen begrüßt hat, als diese vor wenigen Jahren das Licht der Welt erblickten. Aber auch die klassische Unternehmensfinanzierung wendet sich zunehmenden den Peer-to-peer Plattformen zu, wo sich Kreditgeber mit der Erwartung auf höhere Renditen und Kreditnehmer mit der Hoffnung auf mehr Verständnis bei den Kreditgebern ein StellDichein geben.

 

E) Angriff 5: Trading und Börsen: Der Weggang der Deutschen Börse von Frankfurt nach Eschborn war ganz sicher den hohen Gewerbesteuersätzen der Stadt geschuldet und die Nachricht schlug damals wie eine Bombe ein. Aber das ist es nicht. Die wahre Bombe liegt in der schleichenden Auflösung des Börsensystems an sich, ebenfalls ausgelöst durch die Tatsache, dass eine Börse schon lange kein Parkett mehr benötigt, sondern Systeme und Technologien. Auf der anderen Seite ändern sich mit neuen Ideen, wie dem Social-Trading aber auch die Zugangsmöglichkeiten und Verhaltensmuster der Trader. eToro z.B. sorgt mit aufsehenerregende Applikationen für frischen Wind in der Anlage von privatem Vermögen.

 

F) Angriff 6: Compliance. Banken brauchen Regeln. Internationale Bankgeschäfte, aber auch Mergers & Aquisitions brauchen Regulationen, Anwaltskanzleien und Prüfungsgesellschaften. Juristen sollten sich aber nicht allzu sicher sein, dass es hier um einen letzten Hort, einen Rückzugsort, für sichere Arbeitsplätze geben handelt.

 

G) Angriff 7: Versicherungswesen. Frankfurt war nie der Top-Versicherungsstandort, aber im Rhein-Main Gebiet tummeln sich dennoch die einen oder anderen Versicherer und buhlen um die Gunst ihrer Kunden. Allerdings erwartet die Branche einen Verlust von über 30 Prozent in den nächsten 10 Jahren durch digitale Systeme, die Fälle sehr viel schneller abarbeiten können. Zudem drängen auch Vergleichsportale und Direktversicherer auf den Markt, die mit weniger Personal dennoch schneller und besser Policen abschliessen und Fälle regulieren können.

 

H) Angriff von Disruptoren. Könnten Apple oder Google oder Facebook die nächste größte Bank der Welt werden?

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I) Angriff auf das Core Banking. Die Banken waren die ersten Unternehmen, die überhaupt mit Computersystemen gerabeitet haben. Diese Systeme waren meist Eigenentwicklungen, da es zu Beginn solche Anbieter wie SAP, Microsoft oder Oracle gar nicht gab. Nun wurden diese System nicht einfach alle paar Jahre durch neue Systeme abgelöst sondern mühsam erweitert, verbessert und skaliert. Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Das ist keine gesunde Ausgangsposition! Diese so genannten Core-Systeme sind extrem kompliziert und lassen sich nur durch ungeheuren Aufwand auf neue Bedürfnisse aufbohren. In London sitzen seit neuestem Startups, die sich genau um dieses Problem kümmern, sie entwickeln neue Cores, die es beliebigen Unternehmen erlauben (nach entsprechender BAFIN oder anderen Zertifizierungen) recht schnell eine Bank zu werden. DAS sind Angriffe, die jede traditionelle Bank wirklich bis ins Mark treffen werden, da sie mit dem Core-Banking ihre allerletzte Alleinstellung verlieren werden.

 

Qu vadis Banken? Klassische Corporates Banken, die Fintech Tsunami überleben können?

Am 02.02.16 fand eine denkwürdige Pressekonferenz statt. Oberbürgermeister Peter Feldmann (FFM) kündigt ein FinTech Zentrum in Frankfurt an. Es soll dem Finanzstandort eine Zukunft sichern. In den diffusen Planungen spricht man von Jahren, so als ob man noch Jahre für etwas Zeit hätte, was anderorts, in den großen Fintech Zentren London, Paris und dem Silicon Valley, nicht längst greifbare Realität wäre.

man in futuristic glasses internet iof things

1) Die Demografische Bremse nutzen

Aber keine Bank ist schutzlos ausgeliefert. Noch können Banken auf einen gigantischen Kundenanteil, funktionierende Treuesysteme und die träge Reaktion der Kunden auf Neuerungen zurückgreifen. Die demografisches Bremse beschreibt den Effekt, dass eine late Majority nicht in der Lage ist, sein Verhalten zu ändern. Ein Großteil der Babyboomer Generation 1961-1966 sind nicht mehr 100% bereit, andere Banking Geschäftsmodelle zu akzeptieren bzw. reagieren viel langsamer als spätere Generationen. Das können Banken nutzen!

 

2) Corporate Copycat

Die demographische Bremse ist keine Garantie und die jüngere Generation von Konsumenten, die digital Natives, sind nur zu gerne bereit, ihr Girokonto bei der Sparkasse Bad XY endlich zu kündigen. Aber nicht für die nachwachsenden Bankkunden-Generationen, die sich sehr viel stärker und schneller an moderne Finanzinstrumente und Tools binden lassen. Hier hilft nur noch kopieren, dafür aber besser kopieren. Banken können aber aufgrund ihrer noch prall gefüllten Brieftaschen einfach Fintechs kopieren oder gar kaufen.

 

3) Umbau der Banken in agile Systeme – Corporate Startup

Corporate Startup Umbau und Agile Business Development als Garant für das Überleben der Banken. Corporate Startups vereinen die Schlagkraft von etablierten Unternehmensgrößen mit der Agilität und dem Workflow von Startups. Dadurch ist es den großen Banken zum Beispiel möglich, innovative Geschäftsmodelle oder Applikationen zu entwickeln, die ihnen durch die langsameren Prozesse im Unternehmen sonst vorenthalten worden wären.

Lesenswert im Rahmen dieses Blogbeitrags ist der Beitrag von Brett King in dem er beschreibt wie logisch und unumkehrbar der Niedergang praktisch aller Bankenprodukte ist

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Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

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