Dienstag, November 21

Acceleratoren, Inkubatoren, öffentliche Förderprogramme, Universitäre Einrichtungen, Venture Capitalists oder Innovation Labs. Die Liste der Instrumente ist lang, wenn es darum geht, zu beschreiben, wie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft versuchen, Deutschland wieder zum Land der Dichter, Denker und Unternehmer zu machen.

Doch warum ist die Zahl der innovativen Neugründungen in Deutschland dennoch so gering? Und warum, so scheint es, sind die Zalandos und Foodoras dieser Welt schon das innovativste, was sich seit Langem überhaupt bewähren konnte? Deutsche „Unicorns“ – Fehlanzeige.

Viele würden jetzt sofort die Kulturdiskussion wieder anheizen. Ja, wir Deutschen sind ängstlich und ja, auch das Scheitern wird in deutschen Vorgärten noch lange ein Tabuthema bleiben. Aber für geringen Gründungserfolg allein unsere Kultur verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen. Wir dürfen nicht vergessen, dass jedes der vielen Traditionsunternehmen unseres stolzen Mittelstands einst von einem mutigen Pionier gegründet wurde.

Gründen und Aufbauen gehören nach wie vor ganz sicher zu den sog. Deutschen Tugenden. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, selbst wenn der Großteil meiner Generation lieber die Sicherheit bevorzugt, als selbst unternehmerisch voll ins Risiko zu gehen.

Ja, ja das liebe Geld!

So bleibt mehr Argumentationskraft für diejenigen übrig, die unseren Stillstand ganz und gar auf den Mangel an Risikokapital zurückführen. Ja, auch das ist unbestritten. Im Vergleich zu Summen, die im Silicon Valley gern einmal in Startups verbrannt werden, sind unsere Ausgaben, gelinde gesagt, äußerst konservativ. Aber ist das schlecht? Ist unsere Sparsamkeit nicht gerade das, was uns so nachhaltig macht? Wären mehr Geld und ein wenig mehr Casino-Mentalität denn wirklich die Allheilmittel? Wären ein Venture-Capital Gesetz und die steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen ausreichend, um uns wieder an einen Spitzenplatz in Puncto Innovation und Unternehmertum zu befördern? Manche Politiker behaupten das zumindest relativ leichtfertig, wie ich finde.

Ich persönlich glaube, dass greift nicht weit genug. Wem würde ein Venture-Capital Gesetz denn eigentlich nützen, wenn sich gerade Deutsche Unternehmen so schwer damit tun,

a) überhaupt mit Startups in Kontakt zu kommen &

b) diese Startups dann auch erfolgreich zu integrieren?

Wenn sich unser Mittelstand beim Thema „Venture Capital“ weiterhin so zurückhält – wem nützt dann überhaupt ein Venture-Capital Gesetz? Den Rocket-Internets dieser Welt? Oder ausländischen Investoren, deren Interesse an nachhaltigem Unternehmertum ein Mindestmaß nicht übersteigt?

Versteht mich nicht falsch. Ja, wir brauchen mehr Risikokapital. Und die steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen wird sicherlich ein Hebel dafür sein. Aber das alleine reicht nicht aus, um das zu schützen, was Deutschland seit jeher so stark gemacht hat!

Ach du schöne Region

Unsere Wirtschaftsregionen sind die wahren Goldgruben dieser Republik. Allein in Bayern und Baden-Württemberg gibt es unzählige Cluster, die für Unternehmen einzelner Branchen stehen und weltweit Maßstäbe setzen.

In anderen Regionen ist es ähnlich: Die Optik-Industrie in Niedersachsen. Der Ruhrpott oder der Maschinenbau im Schwabenländle. Überall in Deutschland haben sich über die Geschichte ganze Ökosysteme gebildet, die sich als geschlossene Systeme entwickelt und bewährt haben. Dort wo etwas funktionierte, siedelten sich schnell Menschen an und entwickelten diese Bereiche zu lebenswerten Regionen weiter.

Aber da liegt der „Casus Knacksus“. In der Vergangenheit hat es sich bewährt, dass sich Ökosysteme unabhängig von einander entwickelten. Als geschlossene Populationen mit engem Genpool, quasi abgeschottet gegenüber fremden Einfluss und innerhalb ihrer Spezies hochspezialisiert.

Heutzutage sieht die Welt, auch dank disruptiver Technologien, einfach anders aus. Man muss kein Evolutionsbiologe sein, um zu wissen, dass zu viel genetische Abschottung mit einem Mangel an Anpassungsfähigkeit einhergeht.

In diesem Dilemma stecken unsere Unternehmen, allen voran der Deutsche Mittelstand. Zu Tode spezialisiert mit mangelnder Anpassungsfähigkeit an neue Technologien, branchenfremdem Know-How und disruptiven Einflüssen von Startups.

Ökosysteme neu denken – Regionalentwicklung wiederbeleben

Nun gut, was wäre denn die Alternative? Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen Ökosysteme neu denken und Regionalentwicklung wiederbeleben.

Zukunftsaufgabe wird es sein, unsere bestehenden Ökosysteme miteinander zu verknüpfen und Akteure innerhalb gar zu verheiraten, wenn nötig. Wir brauchen Ökosysteme, in denen Unternehmen verschiedener Branchen co-existieren, sich befruchten und der gemeinsame Austausch zu Universitäten, Fachhochschulen, beruflichen Bildungswerken, Förderprogrammen, Kapitalgebern, Vereinen und Verbänden etc. sichergestellt wird.

Gerade dieser Scheuklappen-lose Blick über den eigenen Tellerrand wird unendlich viele Kräfte freisetzen. Wir haben bereits alles, was wir dazu brauchen. Doch Akteure kennen sich untereinander nicht, konkurrieren oder stoßen sich ab, ohne eigentlich zu wissen warum. Stellt euch einmal vor, unsere „Hidden Champions“, Industrie-Giganten und Co. würden mit innovativen jungen Startups, universitären Ausgründungen und Forschungseinheiten ernsthaft zusammenarbeiten. Und zwar nicht situativ oder vereinzelt, sondern dauerhaft im Kollektiv. Eine „Win-Win“ Situation für alle Seiten, die an den Unternehmensgrenzen nicht enden würde.

Stellt euch vor, so etwas würde von allen Seiten ernsthaft unterstützt und zu Ende gedacht werden. Eine „Corporate Startup & Science Initiative“ würde ganze Landstriche neu beleben können. Schaffen wir es, Ökosysteme neu zu beleben oder ganz neue aufzubauen, hieße das innovativer frischer Wind für ganze Regionen, die von Talentmangel und strukturellem Verfall gekennzeichnet sind. Dann wäre es möglich, dass auch Regionen die Vitalisierungs-Kur erhalten, die jetzt unter massivem Abwanderungsdruck stehen. Und eine Aufwertung unserer Regionen mit guter Arbeit, innovativen Konzepten und klugen jungen Leuten würde vielleicht auch den Druck aus den Ballungszentren nehmen, die durch massiven Zuzug kaum noch bezahlbaren Wohnraum hergeben. München lässt grüßen.

 
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Connecting the Dots

Zum einen bedarf es dafür aber den vollständigen Support der Politik. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass auch andere relevante Akteure, wie Kunst, Kultur und Entertainment, den notwendigen Rückenwind bekommen. Denn es ist fundamental wichtig, graue Regionen mit der Attraktivität auszustatten, um junge Menschen anzulocken, die gutem Lohn genauso viel Wichtigkeit einräumen, wie genügend Lebensqualität.

Zum anderen sind echte Community-Manager gefordert, die diese Akteure jetzt davon überzeugen, sich zusammenzutun und entsprechende Strukturen aufbauen. Nur dann kann aus regem Austausch mehr werden als das obligatorische „Cross Company Tete-a-Tete“.

Das klingt vielleicht banal, aber selbst in einer Hochburg wie München fehlt es an (ich nenne sie) „Business Facilitators“, die dafür sorgen, dass die richtigen Menschen aus verschiedenen Welten (!) zusammen am Tisch sitzen und begreifen, wie viel leichter es zusammen ginge. Und es fehlt an Menschen, die mit ihrer Arbeit dann dafür sorgen, dass entsprechende Türen aufgehen und bestimmte Prozedere auch wirklich in Gang kommen.

Gelingt es uns, eine „Corporate Startup & Science Initiative“ auf ein höheres Level zu bringen und die Vernetzung in Ökosystemen neu zu denken, dann könnten Kräfte geweckt werden, die kein Konjunktur- oder Strukturförderungsprogramm jemals entfachen würde. Und das Silicon Valley könnte sich ernsthaft warm anziehen…

About Author

Christopher Meyer-Mölleringhof hat einen Bachelor-Abschluss an der WHU Vallender und einen Master-Abschluss an der IE University in Madrid gemacht. Bei Safari Consulting hilft er Unternehmen dabei, Innovationen zu realisieren. Seiner Meinung nach stehen Wirtschaft und Gesellschaft vor einem grundlegenden Paradigmenwechsel. Demnach verlieren alte Regeln an Gültigkeit und bedürfen einer Neubewertung. Christopher setzt sich dafür ein, Themen neu zu denken, anders zu machen und damit den Status Quo herauszufordern.

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