Der neue Run auf das Geschäftsmodell „Bewusstsein“

Augmented consciousness vor dem großen Goldrausch

Mit VR Brillen wie der Oculus Rift, einer Vielzahl von Apps fürs Handy und der Microsoft Hololens als Vorreiter für Augmented Reality boomt der Markt für Produkte und Services rund um das Thema virtuelle Realität. Gleichzeitig mischen sich existenzielle Ängste über die Folgen dieser Technologie auf Mensch und Gesellschaft in diese Marktperspektiven. Tausende Science Fiction Filme feuern diese krude Mischung noch an. Betrachtet man die Entwicklung allerdings aus der Perspektive der Hirnforschung, so ergibt sich ein anderes Bild, nämlich: Wir haben noch nicht einmal angefangen die wahren Möglichkeiten dieser Technologien zu entdecken. Und wir machen den Fehler zu glauben, dass virtuelle Realität eine Art von Betrug an uns selbst wäre. Es ist Zeit mit dieser Fehleinschätzung aufzuräumen…

Wir alle ahnen ja, dass in Zukunft die virtuelle Realität ein Feuerwerk an neuen, innovativen Geschäftsideen auslösen wird und wir sind schon mittendrin in diesem schillernden Hype. Wer schon mal eine VR Brille aufgesetzt hat, weiß wie „real“ 360° Umgebungen wirken können und versteht, wie sehr diese zukünftigen Produktwelten uns Menschen an die Grenzen unserer Wahrnehmung und unseres Bewusstseins bringen können. Bei vielen klingeln daher jetzt schon die Alarmglocken. Schaffen wir uns wieder neue Abhängigkeiten? Liefern wir uns noch mehr den großen Cooperations wie Google, Apple, Facebook und Amazon aus? Wird die dystopische Zukunft, bekannt aus unzähligen Science-Fiction Filmen, in denen Menschen den Zugang zur „richtigen“ Welt gänzlich verlieren, wahr? Verirren wir uns selbst in High-Tech-Lustmaschinen? Verlieren wir den Bezug zur Realität?

Die Antwort darauf ist ein klares NEIN!

Weil es nämlich gar keine Realität gibt.

Naja. Das behauptet zumindest Anil Seth, Kognitionsforscher an der Universität in Sussex/England. Es gibt – so sagt er – nur ein inneres Erleben, eine Interpretation von Realität. Deswegen können wir uns auch nicht anmaßen, zu behaupten wir wären in allergrößter Gefahr.

Lassen Sie uns das ein bisschen ausführlicher beleuchten:

Nicht wenige kluge Köpfe haben den menschlichen Geist und nicht den Weltraum als „the final frontier“, als die „ultimative Grenze“ bezeichnet. Natürlich kann man diese Sicht auf das menschliche Sein auch aus philosophischen, religiösen oder gesellschaftlichen Perspektiven betrachten. Das tue ich heute nicht. Ich bin da ganz Materialist. Von den vielen, vielen Baustellen im Umfeld des Digitalisierungs-Hypes hat sich die Beeinflussung des Bewusstseins durch Geschäftsideen rund um die virtuelle Realität als wahnsinnig spannend und möglicherweise unfassbar lukrativ erwiesen. Und darum geht es. Aber zum Einstieg unser erstes Gedankenexperiment:

These 1: Ist unser Selbst, unser Ich nur eine Halluzination?

Die Idee, dass wir nur eine von uns selbst, in uns selbst projizierte Halluzination sind, ist eine gut begründete und mitnichten lächerliche Idee von Anil Seth, die er auf dem TED Talk  im April 2017 eindrucksvoll einem staunendem Publikum präsentierte und in der Vergangenheit auch von anderen Neuro-Wissenschaftlern, Ärzten und Philosophen kolportiert wurde.

Anil Seth, Neurowissenschaftler Uni Sussex

Seths Talk beginnt mit der Schilderung eines Erlebnisses, dass der eine oder andere von uns ebenfalls schon mal erlebt haben könnte. Aber vielleicht nicht freiwillig. Es geht um Anästhesie: Die unangenehme Situation bei einer Operation durch das OP-Team in Tiefschlaf versetzt zu werden. Manchmal läuft es schockierend schnell, 1,2, —3 und weg und bei anderen beginnt diese unheimliche Phase des Abgleitens ins „Nichts“ mit einem schummrig, schläfrigen Gefühl, vielleicht einer tiefen Entspannung und der Lust die Augen zuzumachen, bevor sich dann die Wahrnehmung irgendwie verzerrt, das Licht greller zu werden scheint, bis sich schließlich gnädiges Dunkel über das Denken legt. Licht aus!

Und das Aufwachen ist meist nicht minder schräg. Vielleicht hört man zuerst undefinierbare Geräusche, nicht zuzuordnen, jemand versucht mit uns zu sprechen, Lichtblitze. Verschwommen sieht man einen Aufwachraum oder sein Bett, den Arzt, die eigene Familie oder die Schwestern und Pfleger. Das Aufwachen, dass „sich-seines-Selbst“ und seiner Umgebung bewusst werden, kann manchmal Stunden, ja sogar Tage oder Wochen dauern. Bei manchen ist die Bewusstwerdung eine scharfe Grenze die überschritten wird, bei anderen dagegen ein langsamer, schleichender Prozess.

„Wenn wir bewusstlos
oder tot sind,
hört die ganze Welt
auf zu existieren!“

Seth

Anil Seth fand jedenfalls diesen Zustand, den er am eigenen Leibe verspüren musste, sein Leben lang faszinierend. Es ließ ihn nicht mehr los, weil diesem Aggregatzustand des Geistes eine wichtige Erkenntnis innewohnt. Und die ist: Nicht nur mein Selbst, mein ICH, sondern auch die Welt, die Realität hört gänzlich auf zu existieren, wenn ich ohnmächtig und bewusstlos bin (oder mich in einem traumlosen Zustand befinde) und sie ist wieder da, wenn ich mich selber wahrnehmen kann.

Die Welt ist unvollständig oder nicht real, wenn ich mich unvollständig wahrnehme, wenn ich mir nicht RICHTIG meines eigenes Ichs, meines Selbst bewusst bin. Falle ich ins Koma und wache nach einiger Zeit wieder auf, dann wird die Zeit, in der ich nicht existierte nur durch andere Menschen bezeugt. Alle „Realität“ dieser Zeit werde ich also nur vom Hörensagen kennen, sie wird mir allenfalls logisch oder nachvollziehbar real erscheinen.

Seths Frage: Wann und vor allem warum bin ich mir bewusst, dass ich mich in einer Realität befinde? Wann bin ich wach? Wann träume ich? Wie funktioniert dieses Bewusstsein genau?

Video: Anil Seth auf einem TED Vortrag

Die große, graue Grütze dort oben in einem durch einen fast kugelförmigen und durch seine stabile Form schützende Hülle, gibt seine Geheimnisse nicht einfach preis. Es nützt auch nichts, dass wir die meisten der Hirnregionen und deren Aufgaben recht gut kennen, dass wir wissen, dass das Gehirn aus 90 Milliarden Neuronen und 300 Billionen Verknüpfungen mit mehr als 20 Watt Energieaufnahme besteht. Dass es sowohl ein elektrischer Apparat ist, eine filigrane, recht feuchte, gefaltete und gut durchblutete Zellklumpung, als auch eine chemische Hexenküche, durchflutet mit einem komplexen Gebräu aus unterschiedlichsten Hormonen und Botenstoffen wie Serotonin, Dopamin, Oxytocin & Co.

„Ich denke, also bin ich!“
ist nur ein Teil der Antwort
auf die Frage nach dem Bewusstsein

Zwar weiß man seit kurzem, dass speziell beim Bewusstsein besonders lange, fast das gesamte Gehirn durchmessende Nervenverbindungen eine Rolle spielen, auch dass es eine winzige Hirnregion gibt, die praktisch wie ein Ein/Ausschalter des Bewusstseins funktioniert. Wir wissen, dass eine Stimulation dieser Regionen für das sofortiges An- oder Abschalten der eigenen, bewussten Wahrnehmung sorgt. Wir wissen, dass wir uns selber aus dem Bewusstsein kegeln können in dem wir entscheiden, den Schlaf einzuleiten und dass wir aus diesem Schlaf auch wieder schadenfrei erwachen können. Aber wie genau diese Regelkreise ineinandergreifen, wie sie entstehen oder steuerbar sind, all das ist nach wie vor unklar. Zumal es nicht reicht, wie Descartes zu sagen: „Ich denke also bin ich!“ weil man ja auch im Schlaf denkt (z.B. träumt), aber im vollen Bewusstsein ist man dann noch lange nicht.

 

Seth musste sich diese Frage nach dem Wesen des Bewusstseins also etwas generalistischer stellen. Fakt ist: Im eigentlichen Schädelgehäuse, in dem wir unser Selbst verorten, herrscht tiefste, lichtlose Nacht. Nach Außen, an die Welt um uns herum sind wir mit diversen Sensoren für Licht, Farbe, Temperatur, Gerüchen, Tastsinn, Drehsinn, Objekte, Körperfunktionssinn (z.B. Wahrnehmung für einen leeren Magen) und Geräusche verbunden. Der menschliche Körper mit seinen Grundvorgängen wie Herzschlag, Durchblutung, Atmung, Verdauung, Ausscheidung, Hunger/Durst, Sexualität, Bewegung und Schmerzwahrnehmung ist untrennbar mit diesem Regelkreis verwoben und verbunden.

Diese äußeren Einflüsse allein sind natürlich sinnlos, wenn es nicht etwas gäbe, was sie interpretiert! Erst in der Verarbeitung all dieser externen Stimuli – so Seth – liegt der erste Schritt für Wahrnehmung und Bewusstsein.

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Abbildung: Das Homunculus Modell. Links die Verarbeitungsgröße der sensorischen Körperwahrnehmung die analog zum Verhältnis zur Anzahl der Sinnesorgane steht, rechts die motorische „Abteilung“ – beide Regionen sind eng miteinander verbunden.

Beschäftigen wir uns noch einmal kurz mit der Reizverarbeitung im Gehirn – vor allem im sogenannten sensomotorischen Komplex, dass sich recht gut mit dem so genannten Homunculus-Modell anschaulich machen lässt.

Das Homunculus Konzept beschreibt die Relevanz und die Signal-Verarbeitungsstärke in definierten Hirnregionen (getrennt nach Motorik und Sensorik) und wird symbolisiert wie Körperteile, bzw. der Mensch aussehen würde, würde man die Reizdichte in Proportionen umtransformieren. Das etwas gruselige Ergebnis sehen Sie oben, gut zu sehen wie wichtig die taktil sensible Mundregion, die gesamte Gesichtsregion inkl. Schmecken, Riechen und Hände/Finger in diesem Relationsschema sind. Spannend ist, dass das Hören und Sehen nicht in dieser Hirnregion verortet wird. Diesen beiden Sinnen wird eine eigene Hirnregion zugeordnet. Insbesondere das „Sehen“ bzw. die Verarbeitung des Sehens kann daher auch die anderen Sinne „überstimmen“.

Welcome to the prediction-maschine

 

Diese Körperschemata gehören zu unserer Kern-Ausstattung, zu unserem Betriebssystem und steuern unsere Selbstwahrnehmung mit. Oder vielmehr sie steuern die „Interperation“ mit.

Das Gehirn sammelt diese Reize  und stellt Vermutungen (predictions) über Status und eine Prognose über einen zukünftigen Status an. Dieser Vorgang bildet dann dass, was wir Bewusstsein nennen, sagt Seth.

Es ist wichtig, dass wir das Wort „Interpretation“ über den Terminus „Wahrnehmung“ setzen. So etwas wie „Wahrnehmung“ gibt es laut Seth eigentlich gar nicht. Es gibt nur – und selbst das ist nur eine Hypothese – den Stimuli und dann – und das ist sicher, die Interpretation der Stimuli. Warum macht das Gehirn das? Nun es versucht Vorhersagen zu treffen, um den biologischen Körper, den Träger des Gehirns vor Unbill und Schaden zu beschützen. Seth bezeichnet daher den Mensch „the-prediction-maschine“, die Vorhersehbarkeitsmaschine.

Von dem Philosophen René Descartes (1596 – 1650) kennen wir das Schema des „cartesianischen Theaters“, also die Idee, dass wir uns bewusst selbst beobachten können. Schon die griechischen Philosophen, allen voran Sokrates (469 b.C. bis 399 b.C.) wussten, dass äußere Sinneseindrücke und Reize nicht unbedingt eine Gewährleistung für das sind, was wir „Realität“ nennen. Sokrates prägte den Begriff der „Differenz“ (sokratische Differenz) – eine Wirklichkeit die es in der Außenwelt zu geben scheint aber erst in der Innenwelt, in der Interpretation des Gehirns zur Existenz gelangt.

Es ist sehr einfach zu beweisen, dass ein äußerer Reiz durch eine Kombination von Interpretationen im Gehirn zu einer Realität wird und das hier unsere innere Vorhersehbarkeits-Maschine anspringt.

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Bild: Optische Täuschung. Das Grau auf dem Feld „B“ ist genauso dunkel wie das Grau auf dem Feld „A“

Diese Täuschung belegt in eindrucksvoller Weise, dass das Gehirn Vorhersagen über die äußeren Sinnesreie macht, ohne den Wahrheitsgehalt dieser Vorhersagen zu überprüfen. Dem Gehirn ist es wurscht, ob die beiden Grautöne eigentlich komplett identisch sind. Es sagt auf Grund der Umgebungssituation eine Unterschiedlichkeit voraus und lässt den inneren Betrachter dann DIESE Wirklichkeit wahrnehmen. Da wir Menschen ein ganze Menge Autopiloten für die Wahrnehmung und Bewertung anderer Menschen aufweist, können wir erahnen, wie sehr die „Vorhersehbarkeit-Maschine“ die Wahrnehmung sozialer Strukturen manipuliert.

Video: Hör-Täuschung „Bar-Far-Bar“ bei der das Sehen die Hör-Sinneserfahrung überschreibt

Insbesondere die Hörtäuschungen belegen, dass das Gehirn permanent versucht Prognosen, einen Ausblick, eine Vorhersage zu generieren. Alte Erfahrungen, fest verdrahtete Autopiloten generieren ein „wahrscheinliches“ und vor allem für den Körper und das ICH nutzbares Bild der Wirklichkeit. Seth sieht nennt diese Konstruktion ganz bewusst und provokativ eine „Halluzination“, eine innere Fata-Morgana wenn man so will. Sie suggeriert uns ein Dasein in der Welt deshalb so erfolgreich, weil die äußeren Schnittstellen andere Lebewesen wahrnehmen, deren Ideen eines Daseins den unseren entsprechen. Zwischen der Wahrnehmung dieser anderen Menschen und uns gibt es einen Konsens und nur wenige Differenzen.

These 2: Das Gehirn prognostiziert, was es wahrnimmt und „vereinnahmt“ – sogar fremde Körperteile

Seth zeigte nun an Hand von komplizierteren Wahrnehmungsversuchen, dass unsere Wetware, das Gehirn, DIE leitende Figur in unserem Wirklichkeitstheater spielt. In einem Spannenden Rubber Hand Experiment zeigten Wissenschaftler auf wie schnell und reibungslos wir selbst ganze Körperteile „okkupieren“ die uns gar nicht gehören.

In dem seit 17 Jahren bekannten Versuchsaufbau und übrigens auch beliebten Partygag setzt sich eine Versuchsperson an einen Tisch und legt beide Arme darauf, während gleichzeitig der linke Arm durch ein Tuch oder einen Pappdeckel optisch vor dem Blick der Versuchsperson verborgen wird. Statt auf den linken Arm blickt die Versuchsperson nun auf die linke Hand aus Gummi. Diese liegt genau dort, wo die echte linke Hand liegen würde, wenn beide Arme genau parallel lägen.

Wenn nun ein Versuchsleiter die echte linke Hand und die Gummihand mit jeweils einem Pinsel gleichzeitig streichelt, bekommen die meisten Versuchspersonen schon nach kurzer Zeit den unerwarteten Eindruck, die für sie sichtbare Gummihand wäre ihre eigene Hand und sie würden die Berührungen wirklich in der künstlichen Hand spüren. Diese Körperschema-Illusion ist bei vielen Menschen vorhanden, obwohl der Verstand, das kognitive System weiß, dass die Gummihand kein Teil des eigenen Körpers ist. Die Dominanz des Hirnareals, welches dass das Sehen verarbeitet, bewirkt, dass ein Transfer des taktilen Gefühls in der echten linken Hand auf die sichtbare Gummihand erfolgt.

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Quelle: Wie man seine eigene Hand mit einer Gummi-Hand verwirrt

Diese Versuche geben uns eine Hilfestellung auf die Frage, ob wir sagen können, ob eine optische oder taktile Täuschung wirklich eine „Täuschung“ ist. Die Antwort ist – genommen – Nein. Schließlich wurde sie ja, wie alles was wir fühlen sehen denken im Gehirn „interpretiert“ und geschaffen. Eine Täuschung ist demzufolge erst dann eine Täuschung, wenn das Gehirn glaubt, dass es ein künstliches, nicht reales Stimuli ist und sich möglicherweise Hilfestellung durch den Austausch mit anderen Individuen holt: „Seht ihr das, was ich sehe?“. Der Grusel von Science Fiction Filmen mit virtueller Realität besteht oft darin, dass auch die Antwort der anderen eine Täuschung sein könnte. Wir erleben auch im Bereich der gesellschaftspolitischen Entwicklungen einen Zerfall der „Wahrheit“ in einer post-faktischen Gesellschaft. Viele von uns können die Wahlergebnisse oder das ungewöhnliche Verhalten von Parteiführern, Präsidenten oder gar ganzer Staaten nicht mehr verstehen, wir werden konfrontiert mit Verschwörungstheorien die uns klar machen: Realität scheint enormen Abweichungen in der Interpretation zu unterliegen. Unterm Strich können wir also sagen…

These 3: Wir befinden uns bereits jetzt in einer biologisch induzierten virtuellen Realität

Wir haben mit der Entdeckung der „Konstruktion von Wirklichkeit“ damit entdeckt, dass virtuelle Realität eigentlich kein Bedrohungs-Szenario sein kann, da wir sie selber bereits die ganze Zeit eine virtuelle Realität, unsere eigene Realität gestalten.

 

Willkommen also in der biologischen Matrix!

„Yep it’s true: Conciousness is the final frontier!“

Sie ahnen schon, dass die ultimative Grenze „Bewusstsein“ durch digitale Möglichkeiten neue Innovationen und Produkte entstehen lässt die auch monetarisiert werden. Dass das Bewusstsein selbst immer schon im Focus von Geschäftemachern lag ist nicht neu, fragen Sie mal ihren Drogendealer von Nebenan, die Zigaretten, Alkohol und Psychopharmaka-Industrie.

Schon in 20-30 Jahren werden wir mit diesem emerging reality Problem dauerhaft und gesellschaftspolitisch brisant konfrontiert sein. Krankheits- und Suchtbilder, die komplett auf dem „Missbrauch“ von virtuellen Realitäten beruhen. Menschen, die lieber verhungern oder sich künstlich ernähren lassen, statt ihre neuen aufregenden, spannenden Welten verlassen zu wollen. Dabei spreche ich nicht von der „Ray Kurzweilschen“ Idee der Transformation des Geistes in ein Computersystem, das mag in 100, 300 der 500 Jahren ein gängiges Verfahren sein.

Bis dahin dauert es noch ein Weilchen. In diesen Zustand werden wir nicht durch einen Big-Bang versetzt. Vielmehr werden wir den bereits jetzt initialisierten Prozess sukzessive verstärkt sehen und wir werden selber die Möglichkeit haben diesen Prozess mitzugestalten. Fast alle großen und erfolgreichen Geschäftsmodelle von Facebook, Google, Amazon, Uber oder Airbnb arbeiten schon längst nicht mehr wirklich mit harten Gütern, produzieren nichts mehr, sondern sie verdienen mit der Vermittlung dieser Güter, sie verdienen Geld mit dem Interface, mit der Mensch-Maschine-Schnittstelle.

Der nächste große Schritt ist folgerichtig das direkte Andocken an alle menschlichen Sensoren wie Sehen, Hören, Fühlen und Schmecken. Wer gedacht hat, dass die Oculus-Rift schon das Maß aller Dinge sei, der hat die Hololens von Microsoft noch nicht in den Händen, respektive im Gesicht gehabt. Und auch die Sexindustrie (wer sonst?) hat seine Vorreiterfunktion wieder voll in die Waagschale geworfen und ein illustres Panoptikum an Gerätschaften und Apparaten entworfen, die nur eines zum Zweck hatten: Simulation von Sexualität. Äußere Stimulation mit dem Zweck eine möglichst reibungsfreie, neue und selbstbestimmte Halluzination zur Lustbefriedigung zu erzeugen.

These 4: Die bisherigen virtual und augmented reality Geschäftsmodelle greifen noch zu kurz

Aber das ist nur eine Facette. Wer sagt uns, dass wir in der alten Realität weiterarbeiten sollten? Warum sollte ein Familientreffen nicht in einer täuschend echten Karibik-Simulation stattfinden, so echt, dass man den warmen Sand unter den nackten Füßen spüren kann?

Warum kann ein Arzt, samt dem Patienten nicht in eine 3D-Welt der verschlossenen Arterie eintauchen, um eine Behandlungsmethode zu besprechen?

Schüler machen die nächste Klassenfahrt nach Italien nicht heute, sondern in der Vergangenheit, 45 v. Chr. um mit Julius Cäsar zu plaudern und mal eine Nacht in einem „realen“, altrömischen Bett voller Wanzen und Läuse das „Life“ mitzuerleben. Das Holodeck von Raumschiff Enterprise wäre nichts dagegen.

Wir könnten mit Körper-Stimulationen und Simulationen und mit Hilfe der Plastizität des Gehirns Blinden das Sehen, Tauben das Hören und Gehbehinderten ALLE ihre Funktionen zurückzugeben. Die künstlichen Sensoren wären die Katalysatoren für diese innere Interpretationswelt.

Wir haben es in der Hand, ob wir über Horrorszenarien oder machbare Geschäftsmodelle reden, ob wir es anderen überlassen, diesen logischen nächsten Schritt zu tun. Das ist schon mehr als die bislang existieren VR Geschäftsmodelle hergeben.

These 5: Nächster Halt – Augmented Conciousness

Und wir haben mitnichten auch nur ansatzweise die Grenzen erreicht, ja wir haben noch nicht einmal eine Vorstellung davon. Wir wissen nur, dass wir Bedürfnisse von Menschen adressieren können – nämlich die Erweiterung der Halluzinationsspielräume.

Wie wir am Anfang herausgefunden haben, findet Wirklichkeit, der Zustand des eigenen Bewusstseins durch eine besondere Variante der Halluzination statt, eine Interpretation von Nervenreizen in Verbindung mit dem eigenen biologischen Körper als eine Art Resonanzgebilde, die mehr oder weniger sauber mit äußeren Stimuli (z.B,. anderen Menschen) reagiert. Eine Halluzination die diesem Reiz/Reaktionsschema widerspräche, wäre tatsächlich etwas, was andere eine „Verrücktheit“ oder psychische Störung nennen würden.

Kombinations-Modelle aus VR und Messung von Körperfunktionen

Anil Seth konnte mit einem erweiterten Rubber-Hand-Experiment zeigen, dass das Gehirn die Hand-Täuschung um ein vielfaches schneller adaptierte, wenn mit Hilfe einer VR-Brille und einem Computerprogramm, die virtuelle Hand im Takt des Herzschlags des Probanden pulsierte. D.h. die Kombination aus Körperwahrnehmungen vervollständigt die Illusion. Eine Erkenntnis die zu vielen neuen Geschäftsideen führen sollte, da wir ja viele der Körperfunktionen messen und nutzen können.

Eine weitere Kombination wird neue Geschäftsmodelle im Bereich des eLearnings bringen. Es handelt sich um die

Transcranial Direct Current Stimulation (TDCS)

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Abbildung: Flugschüler mit tDCS Connector. Leichte Stromschläge verbessern das Denkvermögen

In dieser Kombination aus virtuellem Erleben via VR-Brille oder Hololens werden Schüler, wie z.B. Flugschüler einer Pilotenschule mit typischen Flugsituationen konfrontiert. Flugsimulatoren kennen wir soweit ja bereits seit Jahrzehnten, neu ist, dass den Flugschülern während der Simulation ‚dreidimensionale‘ Schwachstrom Muster via Kopfhaut-Elektroden ‚eingespielt‘ werden. Diese Muster stammen von erfahrenen Piloten, die sich in einer vorherigen Simulation in der gleichen Situation befanden und deren EEG-Muster über Elektroden abgenommen und in einem Big-Data-System verarbeitet wurden. Die Ergebnisse dieser komplexen Übertragung von Hirnströmen ist eine erstaunliche Lernsteigerung. Probanden zeigen dasselbe Lernergebnisse wie die Kontrollgruppe in nur einem Drittel der Zeit.

Anwendungsgebiete für neue Geschäftsmodelle im Bereich Bewusstsein über „Körpererfahrung“, Heilung, Schmerzwahrnehmung, Gesundheit, Fitness

Anil Seth berichtet – leider nur am Rande – von sehr interessanten Anwendungsbereichen z.B. bei der Heilung von Magersucht oder anderen Essstörungen die mit der Körperwahrnehmung zu tun haben. Bei Magersüchtigen simuliert ein sinnesaktiver Anzug Körperfett und reguliert so die fehlerhafte Wahrnehmung der Patienten, sie seien „zu fett“. Der Anzug gaukelt den Zustand vor, wie es wäre, wenn man tatsächlich zu dick ist. Zieht die Patientin nach Tagen den Anzug wieder aus, fühlt sie den realen Zustand, nämlich, dass sie in Wahrheit zu dünn ist.

Es geht auch noch paradoxer: So kann für einen fettleibigen Menschen die Resonanz-Erfahrung von „Schlankheit“ simuliert werden, was den Körper tatsächlich in die Lage versetzt, sich Schlanksein real vorzustellen. Paradoxerweise könnte erst die Wahrnehmung des „Schlankseins“ der Motivator sein, das Gewichts-Ziel zu erreichen. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt an Möglichkeiten die uns augmented conciousness bietet.

Wenn man sich erst einmal diesen Ideen widmet, kommt man recht schnell auf ganz neue Ideen für Sport, Fitness, Angst- und Stressbewältigung, gegen Schlafstörungen und Schmerzen oder eine gigantische Palette an Produktentwicklungen von Gegenständen, die uns „Sinneswahrnehmungen“ induzieren können, wenn wir das wollen..

Zusammenfassung

Vergessen Sie das Internet-of-Things – jetzt kommt das Internet-of-Connected-Senses.

6 Denkanstösse für Ihre Innovationsarbeit:

  1. Geschäftsmodelle im VR Bereich erstrecken sich bislang zu sehr auf das Naheliegende. Es gilt: Lassen Sie uns über den Tellerand schauen, sich nur auf VR an sich zu beschränken reicht da nicht. Betrachten Sie Ideen für Ihr Business aus anderen Perspektiven und mit ALLEN Sinnen.
    Es lohnt sich, die Gedankenspiele von diesem Standpunkt aus weiterzuspinnen: Sie bauen Datenbanken? Wir wäre es, wenn man Daten auf der Haut spüren könnte? Nutzen Sie das Homunculus-Modell! Sie bauen ein Auto? Dann liefern Sie doch mal die aktuellen Bodendaten direkt an die Fußsohle des Fahrers. Wer Geschwindigkeit und die Glätte und Nässe des Aquaplanings unter den Füßen zu verspüren scheint, fährt vielleicht vorsichtiger.
  2. Obiges gilt für alle Produkte die bislang schon im internet-of-things gehypet wurden. Einige Produkte, wohl aber nur ihre Lieblingsprodukte werden im internet-of-connected-senses wohl tatsächlich zu „Körperteilen“ werden, in das Orchester der Sinneswahrnehmungen aufgenommen werden. So kann ein BMW Fan wohl irgendwann die Freude am Fahren auch körperlich fühlen. Werden wir in Zukunft z.B. Fußballspiele sehen und echte Schmerzen empfinden, wenn unser Lieblingsspieler gefoult wird? Ganz sicher wird das irgendwann so sein – weil wir eben Menschen sind!  –> Moralische Bedenken siehe unten.
  3. Stellen Sie Ihr Innovations-Team um, diversifizieren Sie unbedingt Ihren Wissenspool! Sie müssen vielleicht nicht gleich einen Hirnforscher einstellen, aber regelmäßig Fachleute aus unterschiedlichsten Fachbereichen einzuladen hilft, neue Gedanken, neue Ideen zu bekommen. Im Zeitalter der KI ist geistige Beweglichkeit gefragt. Wer sein Wissen und seine Jobdescription in Zement gießt, wird mit diesem Block auf den Grund des Meeres sinken.
  4. Runter von der Moral-Bremse. Übernehmen wir Kritik an der virtuellen Realität und geißeln die Entmenschlichung und Entfremdung durch Technologie oder die mögliche Suchtgefahr nicht manchmal zu leichtfertig, weil solche Thesen den Kern unseres Werte-Kanons ausmachen? Hinterfragen Sie Aussagen wie: „Wir werden immer abhängiger von … oder wir reden nicht mehr miteinander, weil … oder: Bald wissen wir nicht mehr was Realität oder Fiktion ist…“. Realität ist „relativ“ und virtuelle Realität könnte uns eigentlich eine neue Sicht auf die Welt und die Beziehung in diese Welt verschaffen.
  5. Wir erweitern die biologisch induzierte virtuelle Realität durch eine digital induzierte virtuelle Realität. Es scheint, als habe unser Gehirn nur darauf gewartet!

  6. „Ist nicht meine Baustelle“ werden Sie vielleicht sagen. Vielleicht weil Sie Jurist sind oder Projektmanager in einem IT-Umfeld. „Ist nicht meine Baustelle“ haben auch Musiker in den siebziger Jahren gesagt, als es Ihnen unmöglich schien, dass Computer etwas mit Musik zu tun haben könnten. „Ist nicht meine Baustelle“ haben Bio-Chemiker noch in den 90er Jahren behauptet und gedacht es würden noch 50 Jahre dauern, bis man das menschliche Genom entschlüsselt und da kam die Digitalisierung und hat den Job nach knappen 13 Jahren erledigt. Alles was den Menschen ausmacht, ist sein Geist und seine Realität. Ob er arbeitet, redet, liebt, kämpft, analysiert oder spielt. Sein Bewusstsein steuert und bewertet seine Handlung. Daher WIRD es früher oder später ihre Baustelle sein, sich mit augemented conciousness zu beschäftigen.

Wer nach neuen Dingen, nach neuen Innovationen forscht wird an der ultimativen Grenze des „menschlichen Geistes“ nicht vorbeikommen. Was auch immer wir beruflich machen, in welcher Branche auch immer wir bislang aktiv waren. Wir sollten was draus machen.

Wir freuen uns auf Ihr Feedback! Schreiben Sie uns!

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Bildnachweise:
Titelbild Gehirn: Fotolia.
Anil Seth: TEDtalks, Youtube
Optische Täuschung Schatten: http://butisit.deviantart.com/art/Checker-shadow-illusion-263331875
Hörtäuschung: Youtube

Homunculus: http://neurology.mhmedical.com/content.aspx?bookid=1049&sectionid=59138642
Rubber Hand Experiment: http://science.howstuffworks.com/innovation/science-questions/how-could-you-confuse-a-rubber-hand-for-your-own-hand-.htm
tDCS: Michele Durant – HRL Laboratories

 

Matthias Henrici

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.

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