Dienstag, November 21
Janus Boye, der großartige Digital Leader Netzwerker aus Arhus in Dänemark hat es mal witzig und komödiantisch auf den Punkt gebracht: „Sag’ noch einmal „agile“ und es gibt mächtig Ärger!“
Ja, wir können es nicht mehr hören, diese Geplapper von Scrum, Epics und Impediments, von Sprintreviews, Breakdown-Charts und Backlogs. Es fühlt und hört sich so an wie dampfgetriebene Binsenweisheiten oder seifige Luftblasen, die sofort zerplatzen, wenn man näher hinschaut.

Agile Business Development wird also immer öfter zur eine dumpfen Phrase – gelebt wird hier leider nichts! Firmen tackern sich den Osterwalder Business Canvas an die Wand und tragen Value Propositions, Channels und Pains&Gains hinein, als gäbe es kein Morgen. Die Sekretärin mutiert zum Scrum-Master und soll das Kanban–Board staubfrei halten, während der gerade aus dem Sabbatical im Silicon Valley zurückgekehrte Geschäftsführer zusammen mit dem Vertrieb Lego-Klötzchen stapelt. Wie man das eben so macht, in einem schicken Design-Thinking-Workshop.
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Willkommen im Innovationstheater?

Das Schlimme an diesem agilen Halb-Leben ist die Lüge, an die man selber glaubt, nämlich die Lüge des: „Wir sind und handeln Äidscheil !“ obwohl man eigentlich nur ein mieses Theaterstück aufführt, dass diesen Namen trägt. Sobald aber der Vorhang fällt und das Auditorium heftig Beifall geklatscht hat, geht der alte Sermon so weiter wie bisher. Da ist es dann Essig mit „Äidscheil“ ! Und so schnell wie diese potjemkinschen Staffagen auseinanderfallen, weil die ersten Ergebnisse nicht so sind, wie sie sein sollten, so schnell hört man auch wieder damit auf. Das passiert gerne genau dann, wenn der *HIPPO das neue Produkt nicht versteht oder zwischendrin nach den aktuellen Erlösmodellen fragt: „So! Schön und gut! Jetzt geht es in unseren Stage-Gate-Prozess, nicht wahr? Und wieviel bringt mir das nun in 2 Jahren ein? Wie steht’s denn mit dem EBIDT Kinners???“.
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Halb agile = ganz erfolglos

Wir haben schon Unternehmen kennengelernt, die ihren ausgefüllten Business Canvas wütend in die Ecke gepfeffert haben und ganz fest davon überzeugt sind, dass dieser „Quatsch“ ja gar nicht funktioniert. Und was dann folgt ist die noch größere Katastrophe, der agile Super-Gau, wenn man so will. Man hat gelernt, dass es nicht funktioniert. Mit einer falschen und völlig überzogenen Erwartungshaltung und einer katastrophal schlechten Umsetzung werden den Mitarbeitern diese agilen Prozesse nun für immer vergällt. Noch Jahre später wird man hören: Agile? Ja! Haben wir mal gemacht. Geht aber bei uns nicht!
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Vom Quartalsziel zur Quartalshypothese

Lassen Sie uns das Jahr 2017 sinnvoller nutzen und darauf achten, dass wir kein Innovationstheaterstück proben und aufführen, sondern unsere Unternehmen wirklich ernsthaft umbauen. Schaffen Sie ihre Projekte ab. Erklären Sie jedem, dass ein Projekt, dass länger als eine Sprintperiode läuft, keine Zukunft haben kann. Ersetzen Sie das Wort agile Business Development durch Business Lebendigkeit. Setzen Sie sich keine Quartalsziele mehr sondern Quartalshypothesen und leben sie diese Lebendigkeit!
Der Umstieg von nicht-agilen Arbeitsstrukuren zu agilen Systemen ist nicht per se schmerzfrei. Geliebte Pfründe fallen weg, Erfolge und Nichterfolge werden transparent, mit Kunden sprechen ist ungewohnt, monatelanges Abtauchen fällt auf, schwere Portfolio-Elefanten die man essen will müssen in handliche Häppchen zerlegt werden.
Agile Projekt- und Gestaltungsarbeit fühlt sich an wie ein eingeschlafener Fuß, der wieder zum Leben erwacht. Es zieht und kribbelt wie kleine Stromschläge und die bisherige Bewegungsunfähigkeit und die kalte Lähmung fällt schmerzhaft auf. Aber es lohnt sich den Fuß wieder zu durchbluten!
Ein frohes Weihnachtsfest wünschen Ihnen das Redaktionsteam von Safari-Consulting
 
Bildnachweis: Fotolia

*HIPPO = highest paid person’s opinion

About Author

Matthias Henrici entwickelt seit Ende der neunziger Jahre wertschöpfende eCommerce-Projekte u.a. für deutsche als auch internationale Unternehmen. Seit 14 Jahren lehrt er als Dozent für Usability und Neuro-Marketing an deutschen Hochschulen und arbeitet als Conversion-Spezialist und Projektmanager für Safari sowie als freier Autor u.a. für den HighText Verlag, Computerwoche und die Wirtschaftspresse.